RĂŒckblick auf das ☝mit Abstand ☝ skurrilste Jahr seit Doedelgedenken

[Bildlegende: Dieses Bild aus meiner Kindheit ist fĂŒr mich das ultimative Symbolbild fĂŒr das Jahr 2020. Begonnen hat alles ganz friedlich und in guter Absicht, aber dann ging es nur noch abwĂ€rts und der Schreck stand uns ins Gesicht geschrieben.]

Ich habe mich am Neujahrstag mit GĂŒnnter*, meinem inneren Schweinehund, ĂŒber das Ausnahme-Jahr 2020 unterhalten.

GĂŒnnter: Hallo mein Sonnenschein ❀ frohes, neues Jahr! Eigentlich wollten wir dieses GesprĂ€ch ja gestern Abend, also an Silvester fĂŒhren. Wir hatten es uns dafĂŒr schon auf der Couch gemĂŒtlich gemacht. Der letzte Abend des unglaublichen Jahres 2020, er hĂ€tte ja so entspannt sein können

Doedel: Hallo mein lieber Schweinehund – auch dir ein frohes und vor allem gesundes neues Jahr!

Ja, das GesprĂ€ch war ursprĂŒnglich gestern, im Anschluss an unser romantisches „Dinner for One“ geplant. Aber dann flatterte mir diese Anzeige von Swissqueya, einer brandneuen Online-Zumba-Plattform, auf den Bildschirm und da gab es kein Halten mehr. DAS war der Startschuss fĂŒr eine beispiellose Silvester-Dance-Challenge wie sie zumindest unser Single-Haushalt noch nie erlebt hatte. Das Erste, was ich im neuen Jahr dringend brauchte war eine Dusche 🙂

Bewegung scheint zu einer Art Routine fĂŒr SilvesternĂ€chte zu werden. Letztes Jahr schlurften wir stundenlang durch die Strassen Bariloches.

TatsĂ€chlich! Vor genau einem Jahr, am ersten Weihnachtstag 2019 um prĂ€zis zu sein, brachen wir beide zu unserem Abenteuer ans Ende der Welt auf. Nach einer kleinen Verschnaufpause in Buenos Aires erreichten wir pĂŒnktlich zum Jahreswechsel unser neues Zuhause am malerischen Lago Nahuel Huapi im nördlichen Patagonien. FĂŒr uns war in jener milden Silvesternacht sonnenklar: DAS wĂŒrde ein verdammt gutes Jahr werden! (Mehr dazu im Artikel Das exklusive Interview zum Jahreswechsel 2019/2020)

Heute, am Neujahrstag des Folgejahres, scheint die ganze Welt einfach nur froh zu sein, dass 2020 endlich der Vergangenheit angehört. 2021 kann nur besser werden, lauten die Kernbotschaften der Schlagzeilen…

Dass wir im Jahr 2020 geschlagene zwei Monate reisend verbringen durften, grenzt retrospektiv an ein kleines grosses Wunder. Was fĂŒr ein GlĂŒck, dass wir es gerade noch rechtzeitig zurĂŒck nach Hause geschafft hatten, puh! (genehmigt sich einen zĂŒnftigen Schluck vom Ingwertee)

Mit Verlaub, das haben wir hauptsĂ€chlich meiner Wenigkeit zu verdanken. Du wolltest ja ursprĂŒnglich noch einige Wochen dranhĂ€ngen. Es brauchte einiges an Überredenskunst meinerseits, pah! (zieht die rechte Augenbrauen streng nach oben)

Du hast ja recht. Ich erinnere mich, wie ich beim Buchen des RĂŒckflugs eigentlich die zweite MĂ€rz-HĂ€lfte im Visier hatte, dann aber intuitiv doch auf ein Datum Ende Februar wechselte. Es war letztlich eine Bauchentscheidung, gespickt mit einer Prise Schweinehund-Vernunft (zwinkert), der ich es verdanke, nicht Teil der grössten RĂŒckholaktion der Schweiz geworden zu sein. Es sind solche Erlebnisse, die das Vertrauen in mein BauchgefĂŒhl stĂ€rken. Seit vielen Jahren schon. Was wĂ€re ich bloss ohne mein BauchgefĂŒhl, was wĂ€re ich bloss ohne dich? ❀

Oh, ein Komplidings…. wie lieb von dir! Nun, inzwischen sind wir seit zehn Monaten zurĂŒck. Wie beurteilst du unsere „Zeit am Ende der Welt“ heute, also mit etwas Abstand?

(schmunzelt ab der Formulierung „mit Abstand“) Es war eine famose Zeit. Die Vormittage standen voll und ganz im Zeichen meiner grossen Leidenschaft fĂŒr die spanische Sprache. Nachmittags unternahm ich AusflĂŒge in der fĂŒr Outdoor-AktivitĂ€ten bekannten Region rund um Bariloche oder ich arbeitete fĂŒr eines meiner Hochschul-Projekte. Ich sass dann am KĂŒchentisch, tippte Konzepte, brĂŒtete ĂŒber kniffligen Spezifikationen und wertete die Ergebnisse einer Umfrage aus. Ich nannte es „erweitertes Homeoffice“. Mir gefiel das Modell an einem komplett anderen Ort einem Teil der gewohnten Arbeit nachzugehen. ZurĂŒck am Campus wollte ich das Modell mit all seinen VorzĂŒgen und Grenzen meinen Kolleginnen und Kollegen schmackhaft machen. Aber bevor es dazu kommen konnte, Ă€fften mich bereits alle nach indem sie sich ALLE in ihre Homeoffices verzogen hatten.

(kichert kurz und schlĂ€gt dann die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammen)

Die Schweiz befand sich von einem Tag auf den anderen im Ausnahmezustand und Homeoffice war behördlich angeordnet, wo immer es möglich war.

GĂŒtiger Himmel! Es galt Notrecht. Lockdown. Rien ne va plus. BĂ€mm! Das war vielleicht ein Hammer.

Allerdings. Geleitet von meinem BauchgefĂŒhl (zwinkert) holte ich am Vorabend des Lockdown drĂŒben bei Melectronic ein 5 Meter langes HDMI-Kabel – es war das allerletzte im Regal. Es sollte eine der lohnenswertesten Anschaffungen des Jahres werden. Nebst dem Homebike, versteht sich. Und dem Ticket auf das Jungfraujoch. Und… egal: das Kabel ist jedenfalls lĂ€ngst amortisiert!

Hach ja… und dann blieben wir einfach mal zu Hause, genossen die FrĂŒhlingssonne lesend auf der Terrasse, unternahmen entspannte SpaziergĂ€nge und erste Velo-Touren und gingen generell alles wundervoll entschleunigt an.

Naja, nebenbei haben wir ja noch ein bisschen gearbeitet. Die Hochschule stellte von einem Tag auf den anderen den PrĂ€senzunterricht ein. Im Zuge des Übergangs auf „Distance Teaching & Learning“ gab es im Hintergrund einiges zu Schwurbeln. Pragmatisches Handeln war gefragt – „liefere statt lafere“ lautete die Devise. Eine verrĂŒckte Zeit!
An das Homeoffice-Dasein war ich ja bereits gewohnt. Doch anders als im fernen Patagonien jagte am heimischen KĂŒchentisch nun eine Videokonferenz die nĂ€chste. Mir wurde rasch klar, dass eine WorkLife taugliche Tagesstruktur her musste. Ein Hoch an dieser Stelle auf unseren PlanDö…

(hebt die rechte Hand spontan zum HighFive an, bemerkt die pandemiebedingte UnpÀsslichkeit des gegenseitigen in die HÀnde Klatschens jedoch sofort und streicht sich mit der Hand stattdessen eine HaarstrÀhne aus der Stirn)

…das Zwischenfazit von PlanDö nach der ersten QuarantĂ€ne-Woche liess sich jedenfalls sehen. Die allermeisten VorsĂ€tze daraus blieben mir sogar ĂŒber all die Monate erhalten und entwickelten sich unterdessen zur Routine. Punktuelle Anpassungen ergaben sich im Zuge der kontinuierlichen Weiterentwicklung von PlanDö – etwa dass die ursprĂŒngliche Treppenhaus-Challenge durch kurze Einheiten auf dem Homebike abgelöst werden konnte. Aber im Grossen und Ganzen passt der Plan nach wie vor gut.

In dem erwÀhnten Zwischenfazit vergleichst du unser Leben im Lockdown mit Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel und dessen Warten auf bessere Zeiten (aka Freitag). Hand aufs Herz: wie einsam bist du?

Nun, als vor inzwischen neun Jahren mein neues Leben begann, war es mein oberstes Ziel, alleine klarzukommen. Das Alleinsein war damals eine komplett neue Erfahrung fĂŒr mich. Schliesslich bin ich mit achtzehn Jahren quasi aus meinem Kinderzimmer direkt mit meiner grossen Liebe zusammengezogen und verbrachte die folgenden achtzehn Jahre an seiner Seite. FĂŒr den Start in mein neues Leben war es daher essenziell, dass ich alleine glĂŒcklich sein und ein erfĂŒllendes Leben fĂŒhren konnte. NatĂŒrlich war es ein ordentlicher Lernprozess, aber er hat sich gelohnt. In der Nachbetrachtung fĂŒhlen sich die vergangenen paar JĂ€hrchen wie die behutsame Vorbereitung auf das Jahr 2020 an.

Das Jahr 2020 bestand aus EinschrĂ€nkungen an allen Ecken und Enden. Wie hast du, als durch und durch freiheitsliebendes Geschöpf, diese Zeit ĂŒberstanden?

Zum GlĂŒck war Wandern und Biken ja jederzeit möglich. Ich bin dankbar fĂŒr viele schöne Wanderungen im Alpstein, im Engadin, im Berner Oberland, im Wallis etc.. Die Woche in Zermatt bleibt mir in besonders toller Erinnerung, etwa das Outdoor-Fondue nach der Wanderung vom Gornergrat runter ins Dorf an meinem Geburtstag. In Zermatt fĂŒr einmal praktisch ausschiesslich Schweizerdeutsch zu hören, war schon sehr speziell. Dasselbe galt fĂŒr Interlaken. Corona sei Dank bot sich mir dort denn auch spontan die Möglichkeit auf das Jungfraujoch zu fahren – dies noch dazu an einem wahrlichen Bilderbuchtag.
2020 war nicht nur das Jahr der grossen EinschrÀnkungen. Es war auch ein Jahr von möglicherweise einmaligen Chancen. Unter dem Strich hat mir 2020 durchaus auch die Augen geöffnet und mich zu Aktionen veranlasst, die ich sonst wohl nicht umgesetzt hÀtte.

Zum Beispiel?

Ich habe in den vergangenen Monaten gelernt zu kochen. Das Ganze entstand natĂŒrlich aus der Not heraus, weil ja die Restaurants bis Mitte Mai geschlossen blieben. Also musste ich selbst ran. Denn eine gesunde, ausgewogene ErnĂ€hrung war schliesslich eines der erklĂ€rten Ziele von PlanDö (mehr dazu im Artikel Leben wie Robinson Crusoe – nur die Insel fehlt.). Aber was wirklich zĂ€hlt und ich kaum je fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte: Kochen bereitet mir inzwischen tatsĂ€chlich Spass.

In den Herbstferien schliesslich habe ich mir meine Wohnung vorgeknöpft und ein ziemlich umfangreiches Umkrempelprojekt gestartet. Die Kurzfassung: ich habe mein dĂŒsteres Ankleidezimmer zu einem lichtdurchfluteten Wintergarten mit chilliger Lounge umgebaut. Auch Workouts sind dank der grossen Spiegelfront darin nun möglich. Ich könnte mir sogar ein BĂŒro einrichten, wenn ich denn wollte. Ich kann in dem Zimmer nun eigentlich alles machen – ausser mich ankleiden (schmunzelt). Ich habe mit dem Projekt zusĂ€tzlichen Wohnraum geschaffen, was meine Zeit im Winter-Homeoffice massiv aufwertet und vermutlich will ich dann, wenn irgendwann wieder so etwas Ă€hnliches wie das alte Leben zurĂŒckkehrt, gar nicht mehr raus (lacht). UrsprĂŒnglich dachte ich ja, das Projekt wĂ€re nach der grossen „Umbau-Aktion“ im Herbst abgeschlossen. Aber dem ist nicht so, denn laufend kommen mir neue Ideen – es entwickelt sich allmĂ€hlich zu einem „never ending project“! (lacht)

WĂ€hrend dem Sommer, drĂŒckte ich jeweils am helllichten Mittwochnachmittag die Schulbank – und zwar in Bariloche. Ja, du hast richtig gehört! Ich stand nach wie vor in Kontakt mit der Schulleiterin und da kristallisierte sich die Idee von Online-Lektionen heraus. In Argentinien galt zu der Zeit strikte Ausgangssperre. Die Plauderstunden per Skype waren da durchaus eine Win-Win-Situation. Und ich lernte nebenbei – also nebst dem, dass ich immer fliessender spanisch stotterte – viel ĂŒber die Geschichte des Landes und des sĂŒdamerikanischen Kontinents generell. Und wer sich mit der sĂŒdamerikanischen Geschichte auseinandersetzt kommt nicht an der europĂ€ischen vorbei. Ich musste tatsĂ€chlich das eine oder andere europĂ€ische Kapitel auffrischen, um die ZusammenhĂ€nge bzw. Implikationen auf SĂŒdamerika zu verstehen oder zumindest besser einordnen zu können. Und wenn man mal weltgeschichtlich an einer Ecke eingetaucht ist, ist es schwierig wieder aufzutauchen und jedenfalls habe ich inzwischen auch einiges ĂŒber andere Kontinente oder einzelne LĂ€nder vertieft – es ist fast schon eine Sucht.

Das klingt nach einem Vulkan an Ideen fĂŒr den kreativen und intellektuellen Zeitvertreib. Der Stoff geht uns wohl so schnell nicht aus, das ist schön!

Hmmm…. nun, eine Frage beschĂ€ftigt mich schon seit einigen Tagen. Sie ist mir etwas unangenehm. Ich traue mich gar nicht richtig, sie zu stellen…

Na komm schon, raus damit!

(nimmt nochmals einen Schluck Brennesseltee)
Naja.. es geht um die Impfung. Ich meine: wir werden uns doch nicht etwa pieksen lassen?!

Ich dachte schon, du fragst nie! Doch, das werden wir, aber alles zu seiner Zeit. Jetzt sind erst mal die besonders schutzbedĂŒrftigen Personengruppen dran.

Du meinst damit den Bundesrat und die ZĂŒrcher Promis. (rollt diskret mit den Augen) Ernsthaft: warum sollten wir uns das antun? Ich meine, gegen die Grippe haben wir uns ja auch noch nie impfen lassen.

Das stimmt. Die Grippeimpfung stand noch niemals zur Debatte. Aber die Ausgangslage ist nun eine völlig andere. WĂ€hrend die Grippe-Impfung eine egoistische Entscheidung ertrĂ€gt, baut die Impfung gegen Covid-19 auf eigenverantwortlichem Handeln und wird dadurch zu einer altruistisch geprĂ€gten Entscheidung – also einer Entscheidung zugunsten der Allgemeinheit, des grossen Ganzen. Es geht hier fĂŒr einmal nicht nur um uns, verstehst du?! Der ganze Impf-Zirkus nutzt schliesslich erst dann etwas, wenn sich ein wesentlicher Teil der Bevölkerung impfen lĂ€sst. Dazu möchte ich meinen bescheidenen Teil beitragen.

Apropos „alkoholistisch“… (leckt sich mit der Zunge gierig ĂŒber die Oberlippe) meinst du, wir könnten uns zur Feier des heutigen Neujahrstages…

Altruistisch. Ich sagte altruistisch!

Oh. Das muss dieser Alkoholentzug sein, mit dem du mich seit gefĂŒhlten Lichtjahren quĂ€lst.

Seit dem letzten GlĂ€schen Malbec, drĂŒben am chilligen Puerto Madero von Buenos Aires sind sage und schreibe zehn Monate und dreizehn Tage vergangen. Dabei war es ursprĂŒnglich ja nur der Plan gewesen, den traditionellen „Dry January“ aufgrund der Reise auf MĂ€rz zu verschieben. Aber dann war MĂ€rz und mit ihm nichts mehr wie frĂŒher und mein Verlangen nach Alkohol blieb komplett aus. Irgendwann wird die Lust auf ein GlĂ€schen Rioja oder einen Aperol Spritz vielleicht wieder erwachen. Bis dahin geniesse ich dieses neue LebensgefĂŒhl. Es bekommt mir verdammt gut.

Vielleicht wĂŒrde ich der Impfung ja gelassener gegenĂŒberstehen mit einem SchlĂŒckchen Rioja intus, nur einem ganz kleinen?

NEIN! (boxt energisch in eines der feuerroten Couch-Kissen)

Gerade als leidenschaftliche Weltenbummler steht es uns verdammt nochmal nicht zu, ein Theater in dieser fĂŒr die Welt zentralen Impffrage zu veranstalten. Zu oft liessen wir uns in den vergangenen fĂŒnfundzwanzig Jahren am Tropeninstitut beraten und schluckten daraufhin die eine oder andere Pille. Und seien wir ehrlich: einige davon ohne ernsthaft mit der Wimper zu zucken.

Trotzdem wird die Covid-Impfung gerade Àusserst kontrovers diskutiert. Andere vertreten doch auch egoistische Haltungen, warum wir nicht?

Ich kann nur unser eigenes Tun und Denken steuern. Ich fĂ€nde es ja schon ein vielversprechender Anfang, wenn „andere“ sich konsequenterweise ĂŒber die Zutatenlisten und möglichen Langzeitfolgen von Energydrinks, Zigaretten und anderen Pfuiteufeleien mindestens genauso viele Gedanken machen wĂŒrden, wie um den Inhalt einer Impfampulle zu BekĂ€mpfung einer Jahrhundert-Pandemie.

Du scheinst in dieser Sache entschlossen, da muss ich, im Sinne des KollegialitĂ€tsprinzips, wohl mitziehen. Aber wie du schon sagtest: es bleibt uns ja noch etwas Zeit bis dahin…

Themawechsel! Ich weiss ja nicht, wie es dir ergeht, aber bei mir kommt so langsam aber sicher Hunger auf (reibt sich mit der flachen Hand ĂŒber den Bauch). Wollen wir uns was Leckeres kochen?

Das ist eine ganz wundervolle Idee! (schnippt Wickie-Style mit den Fingern in die Luft) đŸ‘©â€đŸł

Na dann: herzlichen Dank fĂŒr dieses aufschlussreiche GesprĂ€ch an diesem erten Tag des Jahres 2021, dem Jahr, in dem alles besser werden wird! (schmunzelt)

Ich hab zu danken. Danke fĂŒr deine Offenheit und deine Inspiration. Schön, dass es dich gibt, mein lieber Schweinehund! (formt mit Daumen und Zeigefingern ein Herz in die Luft)

*Ich nenne meinen inneren Schweinehund liebevoll „GĂŒnnter“. Immer wenn er ins Spiel kommt, lautet die Gretchenfrage: GĂŒnnter (schweizerdeutsch fĂŒr „gewinnt er?“) oder „GĂŒnnter nöd?“ (gewinnt er nicht?)

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Leben wie Robinson Crusoe – nur die Insel fehlt (Erfahrungsbericht aus der QuarantĂ€ne).

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Ich habe die ersten zwei Monate des Jahres 2020 im sĂŒdlichen Argentinien, in Patagonien, verbracht und habe wĂ€hrend dieser Zeit viel ĂŒber den argentinischen Alltag gelernt. Einkaufen in Patagonien fĂŒhlte sich an wie Advent: man wusste nie, was sich am nĂ€chsten Tag hinter dem (Supermarkt-)TĂŒrchen verbergen mochte. An die halbleeren Supermarktregale musste ich mich zuerst gewöhnen. Aber auch in anderen Situationen galt es in Argentinien flexibel, pragmatisch und geduldig zu bleiben – etwa an der Bushaltestelle, am Bancomaten oder in der Schlange vor der Supermarktkasse.
Ich bin nun seit genau einem Monat zurĂŒck in der Schweiz und stelle fest: same, same but different. Auch hier waren die Supermarktregale in den letzten Tagen nicht zu jedem Zeitpunkt prall gefĂŒllt, auch hier haben sich Bus- und ZugfahrplĂ€ne geĂ€ndert und jedenfalls hat meine Auszeit am «Ende der Welt» in der Nachbetrachtung den Charakter eines Feldtests erlangt.

Ich fĂŒhle mich in diesen Tagen zugegeben etwas hilflos. Ausserstande irgendetwas gegen das, was da unaufhaltsam auf uns zurollt ausrichten zu können, hocke ich in meinem improvisierten HomeOffice und ĂŒberlege, wie ich die nĂ€chsten Wochen oder Monate ĂŒber die Runden kommen werde und welchen Beitrag ich selbst in dieser misslichen Lage leisten kann. Ich habe keinen medizinischen Hintergrund. Kann ich ĂŒberhaupt etwas beitragen? Ich habe diese Frage mit GĂŒnnter*, meinem inneren Schweinehund, diskutiert.   

GĂŒnnter: Einen wunderschönen guten Sonntagmorgen, meine Liebe. Heute scheint ein trĂŒber Tag zu werden. Wir könnten mal wieder auf der Couch abhĂ€ngen?   

Doedel: Guten Morgen, mein lieber Schweinehund. Gute Idee, genau das werden wir heute wohl tun. Wir bleiben zuhause. So, wie wir auch morgen und ĂŒbermorgen und generell die nĂ€chsten Tage und Wochen zuhause bleiben werden.

Nanu?! Wie kommt es zu dieser langfristigen Prognose? 

Wir stehen unter Corona-QuarantĂ€ne. #staythefuckhome lautet der vom Bundesrat unmissverstĂ€ndliche Appell an die Schweizer Bevölkerung. NatĂŒrlich hat er das netter formuliert, aber inhaltlich Ă€ndert sich nichts daran. Wer nicht unbedingt raus muss, bleibt gefĂ€lligst zuhause, wĂ€scht sich die HĂ€nde regelmĂ€ssig und hĂ€lt mindestens zwei Meter Abstand zu Menschen, welche nicht im gleichen Haushalt leben. Hazel Brugger hat es neulich in einem ihrer Tweets wunderbar treffend auf den Punkt gebracht:

Stell dir vor, draussen ist Corona aber niemand geht hin.
(@hazelbrugger)

Die behördlich verordnete QuarantÀne gilt vorerst bis zum 19. April. Bis dahin harrt jeder auf seiner Insel aus.

Sind wir zurzeit nicht alle ein bisschen Robinson Crusoe?

Klingt krass. Wird uns da – auf unserer „einsamen Insel“ – nicht irgendwann die Decke auf den Kopf fallen? 

Genau dies gilt es tunlichst zu vermeiden! Aber dazu spÀter.

Als bekennende Minimalistin sind Stichworte wie Verzicht und Loslassen grundsĂ€tzlich keine Fremdwörter fĂŒr mich. Ich bin ein kinderloser Single und bin es gewohnt, einen beachtlichen Teil meiner Zeit alleine zu verbringen. In der aktuellen Situation habe ich mit dieser Vorgeschichte möglicherweise eine begĂŒnstigte Ausgangslage. Trotzdem stand und stehe auch ich in diesen Tagen vor neuen Herausforderungen rund um die BewĂ€ltigung meines Alltags. Mittlerweile habe ich immerhin einen Plan zur Hand – den sogenannten PlanDö (Anmerkung der Redaktion: das „Dö“ steht fĂŒr „Doedel“).

Einen Plan zu haben klingt doch schon mal vielversprechend?! Welches Hauptziel verfolgt dieser Plan?

Nun, das Wesentliche was ich, was jeder einzelne von uns – nebst der strikten Einhaltung der Hygienevorschriften – zur allgemeinen Lage beitragen kann, ist zu sich selbst Sorge zu tragen. Ich empfinde es in dieser verzwickten Lage tatsĂ€chlich als meine persönliche Pflicht und Verantwortung, mit all meinen KrĂ€ften dafĂŒr zu sorgen, nicht selbst zum Problem zu werden – weder fĂŒr mich, noch fĂŒr mein unmittelbares Umfeld und am allerwenigsten fĂŒr unser Land mit seinen ausreichend strapazierten Ressourcen. Selbst gesund und fit zu bleiben ist daher das deklarierte Ziel von PlanDö! Ich habe die wichtigsten Eckpunkte in einer Art „Pflichtenheft“ fĂŒr mich festgehalten.  

Was genau muss ich mir unter diesem Pflichtenheft vorstellen?

Ich zitiere an dieser stelle den entsprechenden Eintrag aus Wikipedia – pass auf!

„Das Pflichtenheft beschreibt in konkreter Form, wie der Auftragnehmer die Anforderungen des Auftraggebers zu lösen gedenkt. […]“

Verstehe. Und wer ist in unserem Fall nun der Auftragnehmer?

Na wir selbst, wer denn sonst?!

Okay… hmmm, und wer fungiert denn dann in der Rolle des Auftraggebers?

Auch wir! Herrje, bitte tue mir den Gefallen und denke mal ein bisschen mit! Es liegt doch sowas von auf der Hand, dass die beiden Rollen in Personalunion besetzt werden mĂŒssen – es ist ja sonst keiner da! (boxt energisch auf eines der drei feuerroten Couch-Kissen)

Huch… Ă€hm… ja klar, ich versuche es, also mitzudenken, versprochen! (blickt verlegen vor sich hin)

Na los: beweise mit deiner nĂ€chsten Frage, dass du ein cleveres BĂŒrschchen bist!

(Wischt sich den Schweiss von der Stirn, wĂ€scht sich danach grĂŒndlich die HĂ€nde und kehrt schliesslich auf seinen Platz zurĂŒck)

(RĂ€uspert) Nun, was sind die wesentlichen Eckpunkte deines… Ă€h… unseres Pflichtenhefts? 

VoilĂ , geht doch! Vielen Dank fĂŒr diese Ă€usserst intelligente nĂ€chste Frage! (streckt den rechten Daumen aus der geballten Faust Richtung Decke)

(purzelt vor Erleichterung schier vom Hocker) 

Die Eckpunkte des Pflichtenhefts sind: eine gesunde ErnĂ€hrung, tĂ€gliche Workouts, eine klare Tagesstruktur. DarĂŒber hinaus möchte ich fĂŒr meine Liebsten aber auch fĂŒr Freunde und Kollegen da sein, wenn sie mich brauchen.

Was genau verstehst du unter einer „gesunden ErnĂ€hrung“?

Ich ernĂ€hre mich auch ausserhalb von Mega-Krisen grundsĂ€tzlich gesund. In der aktuellen Situation und mit dem erklĂ€rten Ziel von PlanDö, selbst glimpflich durch diese Krise zu kommen, wird eine gesunde, ausgewogene ErnĂ€hrung jedoch noch ein SpĂŒrchen wichtiger.
Ich nehme tĂ€glich drei Mahlzeiten zu mir. Zum FrĂŒhstĂŒck mag ich mein traditionelles Porridge aus Haferflocken, Pflanzenmilch und einer Portion frischen FrĂŒchten, dazu einen Kaffee. Mittag- und Abendessen bestehen aus einer zĂŒnftigen Portion GemĂŒse – nach Möglichkeit frisch zubereitet, dazu eine Eiweisskomponente nach Wahl – also KĂ€se, Eier, Fisch, HĂŒlsenfrĂŒchte, ab und zu ein StĂŒck Fleisch.
Ich trinke tĂ€glich 2-3 Liter Ingwerwasser. FĂŒr einen zusĂ€tzlichen Vitamin-C-Kick fĂŒge ich den ersten beiden Portionen den Saft einer frisch gepressten Zitrone hinzu. Hihi… eine kleine Anekdote am Rande: einmal habe ich den Zitronensaft irrtĂŒmlich anstatt ins Ingwerwasser in den Kaffee geschĂŒttet. Das war vielleicht ein Muntermacher, ey! (lacht und klopft sich dabei mit der flachen Hand auf den Schenkel)
Last but not least verzichte ich zurzeit auf Alkohol. Dies primĂ€r weil Alkohol fĂŒr mich nicht sonderlich förderlich ist, um einen klaren Kopf zu bewahren. Und den brauche ich aktuell mehr denn je, also den klaren Kopf, meine ich.

Wow – ich muss zugeben: bis hierhin gefĂ€llt mir dieser Plan. Und er scheint einfach umsetzbar zu sein. Die Anforderung nach tĂ€glichen Workouts erscheint mir unter QuarantĂ€ne dagegen wesentlich kniffliger? 

Das ist tatsĂ€chlich so. Aber auch dafĂŒr gibt es pragmatische Ideen. Das Treppenhaus wird sich schon wundern, weshalb ich die fĂŒnf Stockwerke derzeit immer mal wieder mehrmals hintereinander hoch und runterklettere. (schmunzelt)

Funktionales Training, also Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, lĂ€sst sich gut im Wohnzimmer praktizieren. Insbesondere die RĂŒcken- und Rumpf-Muskulatur gilt es gezielt zu stĂ€rken. Mein improvisiertes Homeoffice an der KĂŒchenbar ist zwar chic, fĂ€llt aber ergonomisch hochgradig durch. Jedenfalls erscheint es mir sinnvoll zu sein, den unvermeidbaren Fehlhaltungen mit ein paar gezielten Moves prĂ€ventiv entgegenzuwirken.

Virtuelle Workouts auf Youtube haben gerade Hochkonjunktur. Selbst habe ich das bisher jedoch noch nicht ausprobiert. Ich bin froh, zwischendurch mal etwas ohne Bildschirm zu unternehmen. Es ist aber gut, ĂŒber das Angebot Bescheid zu wissen, um bei Bedarf Abwechslung in den Workout-Alltag zu bringen.

Ein Lichtblick am Horizont: in den nÀchsten Tagen sollte mein faltbares Home-Bike angeliefert werden. Ich hatte es letzte Woche, als sich die Lage absehbar zuspitzte, kurzerhand in einem Schweizer Online-Store bestellt.

Das ist ja ein bunter Blumenstrauss an kreativen Ideen, ich bin beeindruckt! Und was hat es mit der klaren Tagesstruktur auf sich, die du im Pflichtenheft besonders hervorhebst?

Eine gesunde WorkLife-Balance aufrecht zu erhalten erscheint mir gerade mit der eingeschrĂ€nkten Bewegungsfreiheit ein zentrales Element zu sein. Ich versuche, meine ĂŒbliche Tagesstruktur so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.

Ich stehe morgens zur gewohnten Zeit auf und nehme mir als erstes ca. 10 Minuten Zeit fĂŒr einen grĂŒndlichen „Bodycheck“. Ich konzentriere mich dabei mit geschlossenen Augen auf meinen Atem und klappere sodann gedanklich jeden Winkel meines Körpers ab. Durch diesen systematischen Check glaube ich, allfĂ€llige Alarmzeichen meines Körpers oder meiner Seele frĂŒhzeitig zu erkennen und gezielt bearbeiten zu können. Der Bodycheck funktioniert bei mir am allerbesten mit leerem, frischen Kopf, deshalb nehme ich mir direkt nach dem Aufstehen bewusst Zeit dafĂŒr. Anschliessend geht’s ab unter die Dusche.

Als FrĂŒhstĂŒcksunterhaltung mag ich HörbĂŒcher. Aktuell höre ich die Biographie von Alexander Humboldt – die ist ĂŒbrigens sehr spannend, ich kann sie nur empfehlen. Hörbuch hören hat einen gĂŒnstigen Nebeneffekt: Ich trainiere damit gleichzeitig aufmerksam zuzuhören und aufmerksames Zuhören erscheint mir eine wertvolle, durchaus systemrelevante Kompetenz zu sein – nicht nur in der Krise.

Aber zurĂŒck zum Tagesablauf.

Nach dem FrĂŒhstĂŒck baue ich meine KĂŒchenbar – es ist der einzige Tisch, den ich habe – von der FrĂŒhstĂŒckstafel zum Homeoffice um. Dazu stelle ich den Bildschirm, den ich mir von meinem eigentlichen Arbeitsplatz ausgeliehen habe, auf die Tischplatte, verbinde meinen Laptop damit, krame Bluetooth-Tastatur und -Maus hervor und schon bin ich einsatzbereit. Da ich einem Team mit flexiblen Arbeitsplatz-Zonen angehöre, Ă€ndert sich ausser der Umgebung eigentlich nicht viel an der gewohnten Arbeitsplatzsituation. Meetings finden per Videokonferenz statt. Das ist an sich nichts grundlegend Neues und funktioniert soweit ganz gut.

Nach ungefĂ€hr 4 Stunden knurrt mein Magen und ich bereite mir mein Mittagessen zu. Bei schönem Wetter setze ich mich zum Essen auf meine Terrasse. Bei schlechtem Wetter, baue ich mein Homeoffice ab und rĂŒste die KĂŒchenbar zur Lunch-Tafel um.

Moment… könntest du nicht einfach Bildschirm und den ganzen BĂŒro-Kram zur Seite schieben? Der Tisch ist doch gross genug?!

Es sind psychologische GrĂŒnde, die mich zu diesem Mehraufwand bringen. Ich mag nicht vor dem PC essen. Ich bin tatsĂ€chlich zu vielen VerĂ€nderungen bereit, aber dazu nicht. 

Verstehe. Und nach dem Lunch baust du alles wieder um und arbeitest dort weiter, wo du vor der Mittagspause stehengeblieben bist?

Jein. Ich nutze die Mittagspause um gezielt relevante News abzurufen. Dazu nutze ich aktuell ein paar wenige, sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlte InformationskanĂ€le. Ich brauche Fakten. Das wirre Durcheinander und GebrĂŒll auf den sozialen Medien raubt mir unnötig viel Energie, die mir andernorts dann womöglich fehlt. Auch hier gilt fĂŒr mich: weniger ist mehr.
Anschliessend knöpfe ich mir das Treppenhaus vor (schmunzelt) oder mache ein paar DehnĂŒbungen auf der Yogamatte. Und dann, erst dann geht es zurĂŒck an die Arbeit.

(hustet kurz in die Armbeuge)

Zu einer gesunden WorkLife-Balance gehört auch der Feierabend. In der Regel irgendwann nach 18 Uhr fahre ich meinen Computer herunter und baue mein Homeoffice ab. Je nach Lust und Laune gibt es vor oder nach dem Abendessen ein kleines Workout. Danach ziehe ich mich mit einem Buch auf meine Couch zurĂŒck. Oder ich schreibe. Oder ich schaue eine Episode meiner aktuellen Netflix-Serie – auf spanisch. (klopft sich selbstbewusst auf die Schulter).

Ich habe den Eindruck, um dich bzw. um uns muss ich mir vorerst keine Sorgen machen. Stimmt diese Annahme?

So ist es. Keine Panik auf der Titanic!

Das beruhigt mich ausserordentlich! Magst du abschliessend noch etwas zur allgemeinen Lage loswerden?

Lasst uns, wie Robinson Crusoe, geduldig und hoffnungsvoll auf Freitag warten. Es werden bessere Zeiten folgen, davon bin ich ĂŒberzeugt.

Herzlichen Dank, liebste Doedel, fĂŒr dieses klĂ€rende Interview und weiterhin einen erholsamen Sonntag auf der Couch. 

Ich habe zu danken, mein lieber Schweinehund. Wir sollten uns öfter Zeit fĂŒr einander nehmen – hab dich lieb! (formt mit Daumen und Zeigefingern ein Herz in die Luft)

*Ich nenne meinen inneren Schweinehund liebevoll „GĂŒnnter“. Immer wenn er ins Spiel kommt, lautet die Gretchenfrage: GĂŒnnter (schweizerdeutsch fĂŒr „gewinnt er?“) oder „GĂŒnnter nöd?“ (gewinnt er nicht?)