RĂŒckblick auf das ☝mit Abstand ☝ skurrilste Jahr seit Doedelgedenken

[Bildlegende: Dieses Bild aus meiner Kindheit ist fĂŒr mich das ultimative Symbolbild fĂŒr das Jahr 2020. Begonnen hat alles ganz friedlich und in guter Absicht, aber dann ging es nur noch abwĂ€rts und der Schreck stand uns ins Gesicht geschrieben.]

Ich habe mich am Neujahrstag mit GĂŒnnter*, meinem inneren Schweinehund, ĂŒber das Ausnahme-Jahr 2020 unterhalten.

GĂŒnnter: Hallo mein Sonnenschein ❀ frohes, neues Jahr! Eigentlich wollten wir dieses GesprĂ€ch ja gestern Abend, also an Silvester fĂŒhren. Wir hatten es uns dafĂŒr schon auf der Couch gemĂŒtlich gemacht. Der letzte Abend des unglaublichen Jahres 2020, er hĂ€tte ja so entspannt sein können

Doedel: Hallo mein lieber Schweinehund – auch dir ein frohes und vor allem gesundes neues Jahr!

Ja, das GesprĂ€ch war ursprĂŒnglich gestern, im Anschluss an unser romantisches „Dinner for One“ geplant. Aber dann flatterte mir diese Anzeige von Swissqueya, einer brandneuen Online-Zumba-Plattform, auf den Bildschirm und da gab es kein Halten mehr. DAS war der Startschuss fĂŒr eine beispiellose Silvester-Dance-Challenge wie sie zumindest unser Single-Haushalt noch nie erlebt hatte. Das Erste, was ich im neuen Jahr dringend brauchte war eine Dusche 🙂

Bewegung scheint zu einer Art Routine fĂŒr SilvesternĂ€chte zu werden. Letztes Jahr schlurften wir stundenlang durch die Strassen Bariloches.

TatsĂ€chlich! Vor genau einem Jahr, am ersten Weihnachtstag 2019 um prĂ€zis zu sein, brachen wir beide zu unserem Abenteuer ans Ende der Welt auf. Nach einer kleinen Verschnaufpause in Buenos Aires erreichten wir pĂŒnktlich zum Jahreswechsel unser neues Zuhause am malerischen Lago Nahuel Huapi im nördlichen Patagonien. FĂŒr uns war in jener milden Silvesternacht sonnenklar: DAS wĂŒrde ein verdammt gutes Jahr werden! (Mehr dazu im Artikel Das exklusive Interview zum Jahreswechsel 2019/2020)

Heute, am Neujahrstag des Folgejahres, scheint die ganze Welt einfach nur froh zu sein, dass 2020 endlich der Vergangenheit angehört. 2021 kann nur besser werden, lauten die Kernbotschaften der Schlagzeilen…

Dass wir im Jahr 2020 geschlagene zwei Monate reisend verbringen durften, grenzt retrospektiv an ein kleines grosses Wunder. Was fĂŒr ein GlĂŒck, dass wir es gerade noch rechtzeitig zurĂŒck nach Hause geschafft hatten, puh! (genehmigt sich einen zĂŒnftigen Schluck vom Ingwertee)

Mit Verlaub, das haben wir hauptsĂ€chlich meiner Wenigkeit zu verdanken. Du wolltest ja ursprĂŒnglich noch einige Wochen dranhĂ€ngen. Es brauchte einiges an Überredenskunst meinerseits, pah! (zieht die rechte Augenbrauen streng nach oben)

Du hast ja recht. Ich erinnere mich, wie ich beim Buchen des RĂŒckflugs eigentlich die zweite MĂ€rz-HĂ€lfte im Visier hatte, dann aber intuitiv doch auf ein Datum Ende Februar wechselte. Es war letztlich eine Bauchentscheidung, gespickt mit einer Prise Schweinehund-Vernunft (zwinkert), der ich es verdanke, nicht Teil der grössten RĂŒckholaktion der Schweiz geworden zu sein. Es sind solche Erlebnisse, die das Vertrauen in mein BauchgefĂŒhl stĂ€rken. Seit vielen Jahren schon. Was wĂ€re ich bloss ohne mein BauchgefĂŒhl, was wĂ€re ich bloss ohne dich? ❀

Oh, ein Komplidings…. wie lieb von dir! Nun, inzwischen sind wir seit zehn Monaten zurĂŒck. Wie beurteilst du unsere „Zeit am Ende der Welt“ heute, also mit etwas Abstand?

(schmunzelt ab der Formulierung „mit Abstand“) Es war eine famose Zeit. Die Vormittage standen voll und ganz im Zeichen meiner grossen Leidenschaft fĂŒr die spanische Sprache. Nachmittags unternahm ich AusflĂŒge in der fĂŒr Outdoor-AktivitĂ€ten bekannten Region rund um Bariloche oder ich arbeitete fĂŒr eines meiner Hochschul-Projekte. Ich sass dann am KĂŒchentisch, tippte Konzepte, brĂŒtete ĂŒber kniffligen Spezifikationen und wertete die Ergebnisse einer Umfrage aus. Ich nannte es „erweitertes Homeoffice“. Mir gefiel das Modell an einem komplett anderen Ort einem Teil der gewohnten Arbeit nachzugehen. ZurĂŒck am Campus wollte ich das Modell mit all seinen VorzĂŒgen und Grenzen meinen Kolleginnen und Kollegen schmackhaft machen. Aber bevor es dazu kommen konnte, Ă€fften mich bereits alle nach indem sie sich ALLE in ihre Homeoffices verzogen hatten.

(kichert kurz und schlĂ€gt dann die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammen)

Die Schweiz befand sich von einem Tag auf den anderen im Ausnahmezustand und Homeoffice war behördlich angeordnet, wo immer es möglich war.

GĂŒtiger Himmel! Es galt Notrecht. Lockdown. Rien ne va plus. BĂ€mm! Das war vielleicht ein Hammer.

Allerdings. Geleitet von meinem BauchgefĂŒhl (zwinkert) holte ich am Vorabend des Lockdown drĂŒben bei Melectronic ein 5 Meter langes HDMI-Kabel – es war das allerletzte im Regal. Es sollte eine der lohnenswertesten Anschaffungen des Jahres werden. Nebst dem Homebike, versteht sich. Und dem Ticket auf das Jungfraujoch. Und… egal: das Kabel ist jedenfalls lĂ€ngst amortisiert!

Hach ja… und dann blieben wir einfach mal zu Hause, genossen die FrĂŒhlingssonne lesend auf der Terrasse, unternahmen entspannte SpaziergĂ€nge und erste Velo-Touren und gingen generell alles wundervoll entschleunigt an.

Naja, nebenbei haben wir ja noch ein bisschen gearbeitet. Die Hochschule stellte von einem Tag auf den anderen den PrĂ€senzunterricht ein. Im Zuge des Übergangs auf „Distance Teaching & Learning“ gab es im Hintergrund einiges zu Schwurbeln. Pragmatisches Handeln war gefragt – „liefere statt lafere“ lautete die Devise. Eine verrĂŒckte Zeit!
An das Homeoffice-Dasein war ich ja bereits gewohnt. Doch anders als im fernen Patagonien jagte am heimischen KĂŒchentisch nun eine Videokonferenz die nĂ€chste. Mir wurde rasch klar, dass eine WorkLife taugliche Tagesstruktur her musste. Ein Hoch an dieser Stelle auf unseren PlanDö…

(hebt die rechte Hand spontan zum HighFive an, bemerkt die pandemiebedingte UnpÀsslichkeit des gegenseitigen in die HÀnde Klatschens jedoch sofort und streicht sich mit der Hand stattdessen eine HaarstrÀhne aus der Stirn)

…das Zwischenfazit von PlanDö nach der ersten QuarantĂ€ne-Woche liess sich jedenfalls sehen. Die allermeisten VorsĂ€tze daraus blieben mir sogar ĂŒber all die Monate erhalten und entwickelten sich unterdessen zur Routine. Punktuelle Anpassungen ergaben sich im Zuge der kontinuierlichen Weiterentwicklung von PlanDö – etwa dass die ursprĂŒngliche Treppenhaus-Challenge durch kurze Einheiten auf dem Homebike abgelöst werden konnte. Aber im Grossen und Ganzen passt der Plan nach wie vor gut.

In dem erwÀhnten Zwischenfazit vergleichst du unser Leben im Lockdown mit Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel und dessen Warten auf bessere Zeiten (aka Freitag). Hand aufs Herz: wie einsam bist du?

Nun, als vor inzwischen neun Jahren mein neues Leben begann, war es mein oberstes Ziel, alleine klarzukommen. Das Alleinsein war damals eine komplett neue Erfahrung fĂŒr mich. Schliesslich bin ich mit achtzehn Jahren quasi aus meinem Kinderzimmer direkt mit meiner grossen Liebe zusammengezogen und verbrachte die folgenden achtzehn Jahre an seiner Seite. FĂŒr den Start in mein neues Leben war es daher essenziell, dass ich alleine glĂŒcklich sein und ein erfĂŒllendes Leben fĂŒhren konnte. NatĂŒrlich war es ein ordentlicher Lernprozess, aber er hat sich gelohnt. In der Nachbetrachtung fĂŒhlen sich die vergangenen paar JĂ€hrchen wie die behutsame Vorbereitung auf das Jahr 2020 an.

Das Jahr 2020 bestand aus EinschrĂ€nkungen an allen Ecken und Enden. Wie hast du, als durch und durch freiheitsliebendes Geschöpf, diese Zeit ĂŒberstanden?

Zum GlĂŒck war Wandern und Biken ja jederzeit möglich. Ich bin dankbar fĂŒr viele schöne Wanderungen im Alpstein, im Engadin, im Berner Oberland, im Wallis etc.. Die Woche in Zermatt bleibt mir in besonders toller Erinnerung, etwa das Outdoor-Fondue nach der Wanderung vom Gornergrat runter ins Dorf an meinem Geburtstag. In Zermatt fĂŒr einmal praktisch ausschiesslich Schweizerdeutsch zu hören, war schon sehr speziell. Dasselbe galt fĂŒr Interlaken. Corona sei Dank bot sich mir dort denn auch spontan die Möglichkeit auf das Jungfraujoch zu fahren – dies noch dazu an einem wahrlichen Bilderbuchtag.
2020 war nicht nur das Jahr der grossen EinschrÀnkungen. Es war auch ein Jahr von möglicherweise einmaligen Chancen. Unter dem Strich hat mir 2020 durchaus auch die Augen geöffnet und mich zu Aktionen veranlasst, die ich sonst wohl nicht umgesetzt hÀtte.

Zum Beispiel?

Ich habe in den vergangenen Monaten gelernt zu kochen. Das Ganze entstand natĂŒrlich aus der Not heraus, weil ja die Restaurants bis Mitte Mai geschlossen blieben. Also musste ich selbst ran. Denn eine gesunde, ausgewogene ErnĂ€hrung war schliesslich eines der erklĂ€rten Ziele von PlanDö (mehr dazu im Artikel Leben wie Robinson Crusoe – nur die Insel fehlt.). Aber was wirklich zĂ€hlt und ich kaum je fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte: Kochen bereitet mir inzwischen tatsĂ€chlich Spass.

In den Herbstferien schliesslich habe ich mir meine Wohnung vorgeknöpft und ein ziemlich umfangreiches Umkrempelprojekt gestartet. Die Kurzfassung: ich habe mein dĂŒsteres Ankleidezimmer zu einem lichtdurchfluteten Wintergarten mit chilliger Lounge umgebaut. Auch Workouts sind dank der grossen Spiegelfront darin nun möglich. Ich könnte mir sogar ein BĂŒro einrichten, wenn ich denn wollte. Ich kann in dem Zimmer nun eigentlich alles machen – ausser mich ankleiden (schmunzelt). Ich habe mit dem Projekt zusĂ€tzlichen Wohnraum geschaffen, was meine Zeit im Winter-Homeoffice massiv aufwertet und vermutlich will ich dann, wenn irgendwann wieder so etwas Ă€hnliches wie das alte Leben zurĂŒckkehrt, gar nicht mehr raus (lacht). UrsprĂŒnglich dachte ich ja, das Projekt wĂ€re nach der grossen „Umbau-Aktion“ im Herbst abgeschlossen. Aber dem ist nicht so, denn laufend kommen mir neue Ideen – es entwickelt sich allmĂ€hlich zu einem „never ending project“! (lacht)

WĂ€hrend dem Sommer, drĂŒckte ich jeweils am helllichten Mittwochnachmittag die Schulbank – und zwar in Bariloche. Ja, du hast richtig gehört! Ich stand nach wie vor in Kontakt mit der Schulleiterin und da kristallisierte sich die Idee von Online-Lektionen heraus. In Argentinien galt zu der Zeit strikte Ausgangssperre. Die Plauderstunden per Skype waren da durchaus eine Win-Win-Situation. Und ich lernte nebenbei – also nebst dem, dass ich immer fliessender spanisch stotterte – viel ĂŒber die Geschichte des Landes und des sĂŒdamerikanischen Kontinents generell. Und wer sich mit der sĂŒdamerikanischen Geschichte auseinandersetzt kommt nicht an der europĂ€ischen vorbei. Ich musste tatsĂ€chlich das eine oder andere europĂ€ische Kapitel auffrischen, um die ZusammenhĂ€nge bzw. Implikationen auf SĂŒdamerika zu verstehen oder zumindest besser einordnen zu können. Und wenn man mal weltgeschichtlich an einer Ecke eingetaucht ist, ist es schwierig wieder aufzutauchen und jedenfalls habe ich inzwischen auch einiges ĂŒber andere Kontinente oder einzelne LĂ€nder vertieft – es ist fast schon eine Sucht.

Das klingt nach einem Vulkan an Ideen fĂŒr den kreativen und intellektuellen Zeitvertreib. Der Stoff geht uns wohl so schnell nicht aus, das ist schön!

Hmmm…. nun, eine Frage beschĂ€ftigt mich schon seit einigen Tagen. Sie ist mir etwas unangenehm. Ich traue mich gar nicht richtig, sie zu stellen…

Na komm schon, raus damit!

(nimmt nochmals einen Schluck Brennesseltee)
Naja.. es geht um die Impfung. Ich meine: wir werden uns doch nicht etwa pieksen lassen?!

Ich dachte schon, du fragst nie! Doch, das werden wir, aber alles zu seiner Zeit. Jetzt sind erst mal die besonders schutzbedĂŒrftigen Personengruppen dran.

Du meinst damit den Bundesrat und die ZĂŒrcher Promis. (rollt diskret mit den Augen) Ernsthaft: warum sollten wir uns das antun? Ich meine, gegen die Grippe haben wir uns ja auch noch nie impfen lassen.

Das stimmt. Die Grippeimpfung stand noch niemals zur Debatte. Aber die Ausgangslage ist nun eine völlig andere. WĂ€hrend die Grippe-Impfung eine egoistische Entscheidung ertrĂ€gt, baut die Impfung gegen Covid-19 auf eigenverantwortlichem Handeln und wird dadurch zu einer altruistisch geprĂ€gten Entscheidung – also einer Entscheidung zugunsten der Allgemeinheit, des grossen Ganzen. Es geht hier fĂŒr einmal nicht nur um uns, verstehst du?! Der ganze Impf-Zirkus nutzt schliesslich erst dann etwas, wenn sich ein wesentlicher Teil der Bevölkerung impfen lĂ€sst. Dazu möchte ich meinen bescheidenen Teil beitragen.

Apropos „alkoholistisch“… (leckt sich mit der Zunge gierig ĂŒber die Oberlippe) meinst du, wir könnten uns zur Feier des heutigen Neujahrstages…

Altruistisch. Ich sagte altruistisch!

Oh. Das muss dieser Alkoholentzug sein, mit dem du mich seit gefĂŒhlten Lichtjahren quĂ€lst.

Seit dem letzten GlĂ€schen Malbec, drĂŒben am chilligen Puerto Madero von Buenos Aires sind sage und schreibe zehn Monate und dreizehn Tage vergangen. Dabei war es ursprĂŒnglich ja nur der Plan gewesen, den traditionellen „Dry January“ aufgrund der Reise auf MĂ€rz zu verschieben. Aber dann war MĂ€rz und mit ihm nichts mehr wie frĂŒher und mein Verlangen nach Alkohol blieb komplett aus. Irgendwann wird die Lust auf ein GlĂ€schen Rioja oder einen Aperol Spritz vielleicht wieder erwachen. Bis dahin geniesse ich dieses neue LebensgefĂŒhl. Es bekommt mir verdammt gut.

Vielleicht wĂŒrde ich der Impfung ja gelassener gegenĂŒberstehen mit einem SchlĂŒckchen Rioja intus, nur einem ganz kleinen?

NEIN! (boxt energisch in eines der feuerroten Couch-Kissen)

Gerade als leidenschaftliche Weltenbummler steht es uns verdammt nochmal nicht zu, ein Theater in dieser fĂŒr die Welt zentralen Impffrage zu veranstalten. Zu oft liessen wir uns in den vergangenen fĂŒnfundzwanzig Jahren am Tropeninstitut beraten und schluckten daraufhin die eine oder andere Pille. Und seien wir ehrlich: einige davon ohne ernsthaft mit der Wimper zu zucken.

Trotzdem wird die Covid-Impfung gerade Àusserst kontrovers diskutiert. Andere vertreten doch auch egoistische Haltungen, warum wir nicht?

Ich kann nur unser eigenes Tun und Denken steuern. Ich fĂ€nde es ja schon ein vielversprechender Anfang, wenn „andere“ sich konsequenterweise ĂŒber die Zutatenlisten und möglichen Langzeitfolgen von Energydrinks, Zigaretten und anderen Pfuiteufeleien mindestens genauso viele Gedanken machen wĂŒrden, wie um den Inhalt einer Impfampulle zu BekĂ€mpfung einer Jahrhundert-Pandemie.

Du scheinst in dieser Sache entschlossen, da muss ich, im Sinne des KollegialitĂ€tsprinzips, wohl mitziehen. Aber wie du schon sagtest: es bleibt uns ja noch etwas Zeit bis dahin…

Themawechsel! Ich weiss ja nicht, wie es dir ergeht, aber bei mir kommt so langsam aber sicher Hunger auf (reibt sich mit der flachen Hand ĂŒber den Bauch). Wollen wir uns was Leckeres kochen?

Das ist eine ganz wundervolle Idee! (schnippt Wickie-Style mit den Fingern in die Luft) đŸ‘©â€đŸł

Na dann: herzlichen Dank fĂŒr dieses aufschlussreiche GesprĂ€ch an diesem erten Tag des Jahres 2021, dem Jahr, in dem alles besser werden wird! (schmunzelt)

Ich hab zu danken. Danke fĂŒr deine Offenheit und deine Inspiration. Schön, dass es dich gibt, mein lieber Schweinehund! (formt mit Daumen und Zeigefingern ein Herz in die Luft)

*Ich nenne meinen inneren Schweinehund liebevoll „GĂŒnnter“. Immer wenn er ins Spiel kommt, lautet die Gretchenfrage: GĂŒnnter (schweizerdeutsch fĂŒr „gewinnt er?“) oder „GĂŒnnter nöd?“ (gewinnt er nicht?)

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GĂŒnnter: Mir fĂ€llt auf, dass, seit wir am ersten Weihnachtstag von zu Hause losgezogen sind, ein  DauerlĂ€cheln auf deinen Lippen spielt. Wie kommt das?

Doedel: Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun. (lÀchelt)


Pah! Das sagst du ausgerechnet nachdem wir heute Morgen mal wieder wie von der Tarantel gestochen durch die halbe Stadt gehetzt sind, um einen Adapter fĂŒr den Laptop zu besorgen?!?!! Die Geschichte wiederholte sich. Du erinnerst dich? Damals, drĂŒben in Afrika?

Ich weiss worauf du anspielst und ich gebe zu, dass ich in dieser Sache nachlĂ€ssig war. Ich erinnere mich, wie ich damals auf dem unvergesslichen Roadtrip durch SĂŒdafrika jeweils einen regelrechten Stecker-Turm aus diversen Steckern basteln musste, um mal eben husch mein Notebook aufzutanken. Das war Improvisation vom Feinsten und ich hatte mir fest vorgenommen, mir sofort nach der RĂŒckkehr aus Afrika einen dreipoligen Adapter fĂŒr meinen Laptop zu besorgen und wie soll ich sagen, zurĂŒck in der Zivilisation ist das dann irgendwie untergegangen.
Aber hey! Heute ist ja alles gut ausgegangen. Wir haben den Adapter und der Laptop ist vollgetankt – sonst könnten wir jetzt ja hier nicht auf der Terrasse sitzen und diesen Beitrag tippsen (lacht).
Apropos SĂŒdafrika: wusstest du, dass sich Kapstadt und Buenos Aires auf gleicher Höhe befinden? Ich meine Breitengrad technisch? Schon eindrĂŒcklich. WĂ€hrend der afrikanische Kontinent bei Kapstadt quasi aufhört, gehts hier in SĂŒdamerika erst so richtig los – verrĂŒckt, findest du nicht?


Du weichst vom Thema ab. FĂŒr mich, deinem inneren Schweinehund, war die Adapter-Geschichte heute Morgen ein SpĂŒrchen zuviel Adrenalin auf nĂŒchternen Magen.

Das tut mir aufrichtig leid! Immerhin hatte der flotte Chico im ersten Laden direkt den goldenen Tipp fĂŒr uns bereit und schickte uns zur flotten Chica ums Eck, welche in Sekundenschnelle ein flottes Dreikönigs- Ă€h DreipolstĂŒck aus der Schublade zĂŒckte.
Da fĂ€llt mir ein: kommenden Montag feiern wir heilige drei Könige. Was meinst du, wollen wir uns da – zur Feier des Tages, quasi – ein spezielles Abenteuer gönnen? Ich meine: nur wir beide, du und ich? (klimpert mit der Wimper)


Ich erinnere dich daran, dass wir am Montag unseren patagonischen Studenten-Alltag starten werden und um 9 Uhr unseren Einstufungstest schreiben. Mein Bedarf an Abenteuer wird damit gedeckt sein. Aber danke, dass du fragst. Ich werde hier ja nicht immer nach meinem Grad an Abenteuerlust gefragt (rĂ€uspert)  was uns zum Thema zurĂŒckbringt. Ich verstehe immer noch nicht, warum wir all diese Strapazen auf uns genommen haben: den langen Flug, das stundenlange Anstehen an der Passkontrolle am Flughafen in Buenos Aires, das ganze Tohuwabohu, um hier an Geld und vernĂŒnftige Lebensmittel zu kommen, …
Zuhause hÀtten wir zwischen den Jahren bequem auf der Couch abhÀngen können.

Du vergisst, dass zu Hause gerade jemand anderes auf unserer Couch abhĂ€ngt. Da haben wir es hier in unserem kleinen, aber feinen Apartment doch wesentlich gemĂŒtlicher (zwinkert keck mit dem Auge, also mit dem linken, weil es mit dem rechten partout nicht gelingen will…).


Herrje, dieses Untervermiet-Projekt ist auch so ein durchgeknallter Furz jenseits der Komfortzone!

Dieser durchgeknallte Furz ermöglicht uns ein Leben in höchstmöglicher UnabhÀngigkeit. Es ist doch toll, dass wÀhrend wir hier die unendlich langen Tage des patagonischen Sommers geniessen, ein erheblicher Teil unserer Fixkosten Zuhause gedeckt wird.


Ich weiss nicht. Mich befremdet der Gedanke, dass eben wĂ€hrend wir hier die unendlich langen Tage des patagonischen Sommers „geniessen“, um es in deinen Worten auszudrĂŒcken, eine fremde Person in unserem Bett liegt und womöglich gerade Kaffee ĂŒber die schicke Couch schĂŒttet. 
Ich verstehe dein Hadern. Noch vor ein paar Jahren hÀtte ich mir das auch nicht vorstellen können.


Woher der Sinneswandel?
Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage, wie ich mein Leben generell und insbesondere die aktuellen wohl knackigsten Jahre leben möchte, auseinandergesetzt. Im Zentrum stand dabei die Frage, was mein ICH in 30 Jahren rĂŒckblickend meinem heutigen ICH raten wĂŒrde zu tun oder eben nicht zu tun.**


Das klingt selbst fĂŒr innere Schweinehunde wie mich interessant. ErzĂ€hle mehr darĂŒber. 
Bist du sicher, dass du das hören möchtest?


Ja, scheiss los… schiess… ich meinte schiess los!
Na gut. Aber jammere nachher nicht, ich hÀtte dich nicht gewarnt! (grinst)
Pass auf. Es startete mit meinem kompletten Neuanfang vor inzwischen acht Jahren. Es fĂŒhlte sich an, als ob einer aus Versehen statt der Pause-Taste den Reset-Knopf meines Lebens erwischt hatte und jedenfalls schlief ich damals monatelang auf einer Luftmatratze und redete mir die Yogamatte bequem und kuschelig wie eine Couch. Es war die Zeit, in der mir klar wurde, dass weniger mehr sein kann. Seither ĂŒberlege ich mir sehr behutsam, was mich glĂŒcklich macht. Es ist eine kurze Liste. Ich fĂŒhre einen minimalistischen Lebensstil.


Das erklĂ€rt noch nicht, weshalb wir unsere tolle Wohnung nun schon zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren wildfremden Menschen ĂŒberlassen.

Im Verlaufe des Prozesses zur KlĂ€rung der Sinn-Frage wurde immer deutlicher, dass ich ein ausgeprĂ€gtes Autonomie-BedĂŒrfnis habe. Ich denke, ein beachtlicher Teil davon ist angeboren, der andere Teil ist im Verlaufe der Zeit klammheimlich in mir herangereift. Der SchlĂŒssel zu einem möglichst hohen Grad an UnabhĂ€ngigkeit liegt im Loslassen. Mir ist bewusst geworden, dass ich mir mit Gedanken an Kaffeeflecken auf meiner Couch nur selbst im Weg stand. Inzwischen habe ich meinen Haushalt auf ein modulares Kistenmodell umgestellt, um meine persönlichen Habseligkeiten mit wenig Aufwand sicher wegschliessen zu können. FĂŒr Bett und Couch habe ich mir spezielle SchutzbezĂŒge, sogenannte Hussen, besorgt.
Was man bei der ganzen Geschichte nicht vergessen darf ist, dass wir bei unserer RĂŒckkehr ja selbst wochenlang in fremden Sachen gehaust und dabei eine gewisse Resistenz gegenĂŒber Spuren und GerĂŒchen fremder Menschen entwickelt haben werden. (zwinkert)


Verstehe. Themawechsel. Du hast mir heute Morgen beim ZĂ€hneputzen zugemurmelt, dass wir ab nĂ€chster Woche Teilzeit arbeiten werden? Du meintest damit eigentlich die Schulbank drĂŒcken, korrekt? 

Nein, d.h. naja… genaugenommen heisst es beides.


Stopp! Ich weiss tatsĂ€chlich nicht, wieviel genauer ich das wissen möchte…

Ach komm schon, sei kein Frosch. Hihi… innerer Schweinefrosch… hihihihi… (klopft sich mit der rechten Hand mehrmals auf den rechten Schenkel)


Mir ist nicht nach Scherzen zumute!

ÂĄDisculpa! Ich meine: Ă€xgĂŒsi… wie war nochmals die Frage? Achso, ja… bezĂŒglich der Arbeit (verkneift sich sichtlich ein erneutes Kichern). Also die Sache ist die, dass ich eines meiner aktuellen Projekte von hier aus weiter betreuen werde. BĂ€mm! Na, was sagst du dazu?


Ich dreh‘ gleich durch, ey! HĂ€tte da nicht jemand anderes einspringen können, sodass mir wenigstens das erspart geblieben wĂ€re?

Eben nicht! Die Idee nach dieser Auszeit hier in Patagonien entstand im Juni vergangenen Jahres. Ich hatte mich spontan auf ein dreimonatiges Praktikum in einer kleinen Pension drĂŒben im chilenischen Seengebiet beworben und prompt eine  Zusage erhalten. Einige Wochen spĂ€ter scheiterte das Projekt dann aber leider. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich mich schon voll auf ein sĂŒdamerikanisches Abenteuer eingestellt und meine EnttĂ€uschung liess sich nicht abstreiten. Ich ĂŒberlegte mir also, ob ich mich gegebenenfalls neu arrangieren konnte und da rĂŒckte bald die Idee eines Sprachaufenthalts in Kombination mit einer gesunden Portion Bewegung an der frischen Luft im Outdoor-Mekka rund um Bariloche/Patagonien in den Vordergrund. Ich sicherte mich kurz ab, was wohl mein ICH in 30 Jahren zu der Idee meines heutigen ICHs sagen wĂŒrde und zack, war die Sache fĂŒr mich klar wie der Himmel hier ĂŒber Patagonien in diesen wundervollen Sommertagen. Allerdings hatte ich im Job inzwischen zu einem grösseren Projekt zugesagt. Also suchte ich das GesprĂ€ch mit meinem Chef. Scheu wie ein Reh erzĂ€hlte ich ihm von meiner Idee, im patagonischen Sommer zu ĂŒberwintern. Er meinte nur:“Was soll ich mit einer Idee? Komm wieder, wenn du einen konkreten Plan hast und dann schauen wir, was sich da machen lĂ€sst.“ Das liess ich mir nicht zweimal sagen und unterbreitete ihm einige Tage spĂ€ter meinen konkreten Überwinterungsplan – einer kunterbunten Mischung aus Sprachaufenthalt, viel Bewegung an der frischen Luft und spannenster Projektarbeit. Et voilĂ .


Da hast du GlĂŒck mit deinem Arbeitgeber. Das könnte sich natĂŒrlich nicht jeder erlauben.

Ersteres streite ich nicht ab: das ist Tatsache und mein Chef ist ein wahrer „Enabler“ und  ein Goldschatz noch dazu! Zweiteres kommt mir regelmĂ€ssig zu Ohren. „Was, du haust schon wieder ab? Das wĂŒrde ich auch gerne machen, aber das kann ich mir in meiner Position, bei meinem Chef, bei der aktuellen Wirtschaftslage, blablabla nicht erlauben. Die AufzĂ€hlung kann mit beliebigen Schiess-mich-tot-Ausreden erweitert werden.“ Auf meine Frage ob das Thema denn schon mal konkret diskutiert wurde, folgt dann höchstens noch ein „naja
 ich weiss halt, dass ich damit nicht durchkommen wĂŒrde. Niemals!“
Ich frage mich dann jeweils, ob die sich eigentlich schon mal mit ihrem ICH von in 30 Jahren auseinandergesetzt haben
 (blickt nachdenklich vor sich hin) Ich meine, es ist mir schon klar, dass nicht alle mit den idealen Rahmenbedingungen fĂŒr solche Luxus-Projekte gesegnet sind. Aber bei der „Was-ist-in-30 Jahren“-Perspektive geht es ja darum, das Optimum aus den aktuellen UmstĂ€nden herauszuholen – also ein erfĂŒllendes Leben zu leben, wie es einem in der persönlichen Situation eben möglich ist.


Irgendwann werde ich vielleicht auch Gefallen an diesem Affentheater finden können – man soll schliesslich niemals nie sagen. FĂŒr heute weiss ich genug. Und was morgen auf uns zukommt, wirst du mir bestimmt noch zum passenden Zeitpunkt mitteilen, KORREKT?!

Na klar. Ehrensache! (kichert heimlich ins FĂ€ustchen)


Herzlichen Dank fĂŒr dieses Interview und alles Gute fĂŒrs neue Jahr!

¥Feliz año! Frohes neues Jahr, mein lieber Schweinehund.
Schön, dass es dich gibt! (formt mit Daumen und Zeigefingern ein Herz in die Luft)


Das Interview fĂŒhrte: GĂŒnnter*, mein innerer Schweinehund

*Ich nenne meinen inneren Schweinehund liebevoll „GĂŒnnter“. Immer wenn er ins Spiel kommt, lautet die Gretchenfrage: GĂŒnnter (schweizerdeutsch fĂŒr „gewinnt er?“) oder „GĂŒnnter nöd?“ (gewinnt er nicht?)

** Die „Was-ist-in-30Jahren“-Perspektive nach John Strelecky. Mehr dazu gibts im Artikel Safari zu den «BIG FIVE FOR LIFE»

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