Leben wie Robinson Crusoe – nur die Insel fehlt.

Ich habe die ersten zwei Monate des Jahres 2020 im sĂŒdlichen Argentinien, in Patagonien, verbracht und habe wĂ€hrend dieser Zeit viel ĂŒber den argentinischen Alltag gelernt. Einkaufen in Patagonien fĂŒhlte sich an wie Advent: man wusste nie, was sich am nĂ€chsten Tag hinter dem (Supermarkt-)TĂŒrchen verbergen mochte. An die halbleeren Supermarktregale musste ich mich zuerst gewöhnen. Aber auch in anderen Situationen galt es in Argentinien flexibel, pragmatisch und geduldig zu bleiben – etwa an der Bushaltestelle, am Bancomaten oder in der Schlange vor der Supermarktkasse.
Ich bin nun seit genau einem Monat zurĂŒck in der Schweiz und stelle fest: same, same but different. Auch hier waren die Supermarktregale in den letzten Tagen nicht zu jedem Zeitpunkt prall gefĂŒllt, auch hier haben sich Bus- und ZugfahrplĂ€ne geĂ€ndert und jedenfalls hat meine Auszeit am «Ende der Welt» in der Nachbetrachtung den Charakter eines Feldtests erlangt.

Ich fĂŒhle mich in diesen Tagen zugegeben etwas hilflos. Ausserstande irgendetwas gegen das, was da unaufhaltsam auf uns zurollt ausrichten zu können, hocke ich in meinem improvisierten HomeOffice und ĂŒberlege, wie ich die nĂ€chsten Wochen oder Monate ĂŒber die Runden kommen werde und welchen Beitrag ich selbst in dieser misslichen Lage leisten kann. Ich habe keinen medizinischen Hintergrund. Kann ich ĂŒberhaupt etwas beitragen? Ich habe diese Frage mit GĂŒnnter*, meinem inneren Schweinehund, diskutiert.   

GĂŒnnter: Einen wunderschönen guten Sonntagmorgen, meine Liebe. Heute scheint ein trĂŒber Tag zu werden. Wir könnten mal wieder auf der Couch abhĂ€ngen?   

Doedel: Guten Morgen, mein lieber Schweinehund. Gute Idee, genau das werden wir heute wohl tun. Wir bleiben zuhause. So, wie wir auch morgen und ĂŒbermorgen und generell die nĂ€chsten Tage und Wochen zuhause bleiben werden.

Nanu?! Wie kommt es zu dieser langfristigen Prognose? 

Wir stehen unter Corona-QuarantĂ€ne. #staythefuckhome lautet der vom Bundesrat unmissverstĂ€ndliche Appell an die Schweizer Bevölkerung. NatĂŒrlich hat er das netter formuliert, aber inhaltlich Ă€ndert sich nichts daran. Wer nicht unbedingt raus muss, bleibt gefĂ€lligst zuhause, wĂ€scht sich die HĂ€nde regelmĂ€ssig und hĂ€lt mindestens zwei Meter Abstand zu Menschen, welche nicht im gleichen Haushalt leben. Hazel Brugger hat es neulich in einem ihrer Tweets wunderbar treffend auf den Punkt gebracht:

Stell dir vor, draussen ist Corona aber niemand geht hin.
(@hazelbrugger)

Die behördlich verordnete QuarantÀne gilt vorerst bis zum 19. April. Bis dahin harrt jeder auf seiner Insel aus.

Sind wir zurzeit nicht alle ein bisschen Robinson Crusoe?

Klingt krass. Wird uns da – auf unserer „einsamen Insel“ – nicht irgendwann die Decke auf den Kopf fallen? 

Genau dies gilt es tunlichst zu vermeiden! Aber dazu spÀter.

Als bekennende Minimalistin sind Stichworte wie Verzicht und Loslassen grundsĂ€tzlich keine Fremdwörter fĂŒr mich. Ich bin ein kinderloser Single und bin es gewohnt, einen beachtlichen Teil meiner Zeit alleine zu verbringen. In der aktuellen Situation habe ich mit dieser Vorgeschichte möglicherweise eine begĂŒnstigte Ausgangslage. Trotzdem stand und stehe auch ich in diesen Tagen vor neuen Herausforderungen rund um die BewĂ€ltigung meines Alltags. Mittlerweile habe ich immerhin einen Plan zur Hand – den sogenannten PlanDö (Anmerkung der Redaktion: das „Dö“ steht fĂŒr „Doedel“).

Einen Plan zu haben klingt doch schon mal vielversprechend?! Welches Hauptziel verfolgt dieser Plan?

Nun, das Wesentliche was ich, was jeder einzelne von uns – nebst der strikten Einhaltung der Hygienevorschriften – zur allgemeinen Lage beitragen kann, ist zu sich selbst Sorge zu tragen. Ich empfinde es in dieser verzwickten Lage tatsĂ€chlich als meine persönliche Pflicht und Verantwortung, mit all meinen KrĂ€ften dafĂŒr zu sorgen, nicht selbst zum Problem zu werden – weder fĂŒr mich, noch fĂŒr mein unmittelbares Umfeld und am allerwenigsten fĂŒr unser Land mit seinen ausreichend strapazierten Ressourcen. Selbst gesund und fit zu bleiben ist daher das deklarierte Ziel von PlanDö! Ich habe die wichtigsten Eckpunkte in einer Art „Pflichtenheft“ fĂŒr mich festgehalten.  

Was genau muss ich mir unter diesem Pflichtenheft vorstellen?

Ich zitiere an dieser stelle den entsprechenden Eintrag aus Wikipedia – pass auf!

„Das Pflichtenheft beschreibt in konkreter Form, wie der Auftragnehmer die Anforderungen des Auftraggebers zu lösen gedenkt. […]“

Verstehe. Und wer ist in unserem Fall nun der Auftragnehmer?

Na wir selbst, wer denn sonst?!

Okay… hmmm, und wer fungiert denn dann in der Rolle des Auftraggebers?

Auch wir! Herrje, bitte tue mir den Gefallen und denke mal ein bisschen mit! Es liegt doch sowas von auf der Hand, dass die beiden Rollen in Personalunion besetzt werden mĂŒssen – es ist ja sonst keiner da! (boxt energisch auf eines der drei feuerroten Couch-Kissen)

Huch… Ă€hm… ja klar, ich versuche es, also mitzudenken, versprochen! (blickt verlegen vor sich hin)

Na los: beweise mit deiner nĂ€chsten Frage, dass du ein cleveres BĂŒrschchen bist!

(Wischt sich den Schweiss von der Stirn, wĂ€scht sich danach grĂŒndlich die HĂ€nde und kehrt schliesslich auf seinen Platz zurĂŒck)

(RĂ€uspert) Nun, was sind die wesentlichen Eckpunkte deines… Ă€h… unseres Pflichtenhefts? 

VoilĂ , geht doch! Vielen Dank fĂŒr diese Ă€usserst intelligente nĂ€chste Frage! (streckt den rechten Daumen aus der geballten Faust Richtung Decke)

(purzelt vor Erleichterung schier vom Hocker) 

Die Eckpunkte des Pflichtenhefts sind: eine gesunde ErnĂ€hrung, tĂ€gliche Workouts, eine klare Tagesstruktur. DarĂŒber hinaus möchte ich fĂŒr meine Liebsten aber auch fĂŒr Freunde und Kollegen da sein, wenn sie mich brauchen.

Was genau verstehst du unter einer „gesunden ErnĂ€hrung“?

Ich ernĂ€hre mich auch ausserhalb von Mega-Krisen grundsĂ€tzlich gesund. In der aktuellen Situation und mit dem erklĂ€rten Ziel von PlanDö, selbst glimpflich durch diese Krise zu kommen, wird eine gesunde, ausgewogene ErnĂ€hrung jedoch noch ein SpĂŒrchen wichtiger.
Ich nehme tĂ€glich drei Mahlzeiten zu mir. Zum FrĂŒhstĂŒck mag ich mein traditionelles Porridge aus Haferflocken, Pflanzenmilch und einer Portion frischen FrĂŒchten, dazu einen Kaffee. Mittag- und Abendessen bestehen aus einer zĂŒnftigen Portion GemĂŒse – nach Möglichkeit frisch zubereitet, dazu eine Eiweisskomponente nach Wahl – also KĂ€se, Eier, Fisch, HĂŒlsenfrĂŒchte, ab und zu ein StĂŒck Fleisch.
Ich trinke tĂ€glich 2-3 Liter Ingwerwasser. FĂŒr einen zusĂ€tzlichen Vitamin-C-Kick fĂŒge ich den ersten beiden Portionen den Saft einer frisch gepressten Zitrone hinzu. Hihi… eine kleine Anekdote am Rande: einmal habe ich den Zitronensaft irrtĂŒmlich anstatt ins Ingwerwasser in den Kaffee geschĂŒttet. Das war vielleicht ein Muntermacher, ey! (lacht und klopft sich dabei mit der flachen Hand auf den Schenkel)
Last but not least verzichte ich zurzeit auf Alkohol. Dies primĂ€r weil Alkohol fĂŒr mich nicht sonderlich förderlich ist, um einen klaren Kopf zu bewahren. Und den brauche ich aktuell mehr denn je, also den klaren Kopf, meine ich.

Wow – ich muss zugeben: bis hierhin gefĂ€llt mir dieser Plan. Und er scheint einfach umsetzbar zu sein. Die Anforderung nach tĂ€glichen Workouts erscheint mir unter QuarantĂ€ne dagegen wesentlich kniffliger? 

Das ist tatsĂ€chlich so. Aber auch dafĂŒr gibt es pragmatische Ideen. Das Treppenhaus wird sich schon wundern, weshalb ich die fĂŒnf Stockwerke derzeit immer mal wieder mehrmals hintereinander hoch und runterklettere. (schmunzelt)

Funktionales Training, also Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, lĂ€sst sich gut im Wohnzimmer praktizieren. Insbesondere die RĂŒcken- und Rumpf-Muskulatur gilt es gezielt zu stĂ€rken. Mein improvisiertes Homeoffice an der KĂŒchenbar ist zwar chic, fĂ€llt aber ergonomisch hochgradig durch. Jedenfalls erscheint es mir sinnvoll zu sein, den unvermeidbaren Fehlhaltungen mit ein paar gezielten Moves prĂ€ventiv entgegenzuwirken.

Virtuelle Workouts auf Youtube haben gerade Hochkonjunktur. Selbst habe ich das bisher jedoch noch nicht ausprobiert. Ich bin froh, zwischendurch mal etwas ohne Bildschirm zu unternehmen. Es ist aber gut, ĂŒber das Angebot Bescheid zu wissen, um bei Bedarf Abwechslung in den Workout-Alltag zu bringen.

Ein Lichtblick am Horizont: in den nÀchsten Tagen sollte mein faltbares Home-Bike angeliefert werden. Ich hatte es letzte Woche, als sich die Lage absehbar zuspitzte, kurzerhand in einem Schweizer Online-Store bestellt.

Das ist ja ein bunter Blumenstrauss an kreativen Ideen, ich bin beeindruckt! Und was hat es mit der klaren Tagesstruktur auf sich, die du im Pflichtenheft besonders hervorhebst?

Eine gesunde WorkLife-Balance aufrecht zu erhalten erscheint mir gerade mit der eingeschrĂ€nkten Bewegungsfreiheit ein zentrales Element zu sein. Ich versuche, meine ĂŒbliche Tagesstruktur so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.

Ich stehe morgens zur gewohnten Zeit auf und nehme mir als erstes ca. 10 Minuten Zeit fĂŒr einen grĂŒndlichen „Bodycheck“. Ich konzentriere mich dabei mit geschlossenen Augen auf meinen Atem und klappere sodann gedanklich jeden Winkel meines Körpers ab. Durch diesen systematischen Check glaube ich, allfĂ€llige Alarmzeichen meines Körpers oder meiner Seele frĂŒhzeitig zu erkennen und gezielt bearbeiten zu können. Der Bodycheck funktioniert bei mir am allerbesten mit leerem, frischen Kopf, deshalb nehme ich mir direkt nach dem Aufstehen bewusst Zeit dafĂŒr. Anschliessend geht’s ab unter die Dusche.

Als FrĂŒhstĂŒcksunterhaltung mag ich HörbĂŒcher. Aktuell höre ich die Biographie von Alexander Humboldt – die ist ĂŒbrigens sehr spannend, ich kann sie nur empfehlen. Hörbuch hören hat einen gĂŒnstigen Nebeneffekt: Ich trainiere damit gleichzeitig aufmerksam zuzuhören und aufmerksames Zuhören erscheint mir eine wertvolle, durchaus systemrelevante Kompetenz zu sein – nicht nur in der Krise.

Aber zurĂŒck zum Tagesablauf.

Nach dem FrĂŒhstĂŒck baue ich meine KĂŒchenbar – es ist der einzige Tisch, den ich habe – von der FrĂŒhstĂŒckstafel zum Homeoffice um. Dazu stelle ich den Bildschirm, den ich mir von meinem eigentlichen Arbeitsplatz ausgeliehen habe, auf die Tischplatte, verbinde meinen Laptop damit, krame Bluetooth-Tastatur und -Maus hervor und schon bin ich einsatzbereit. Da ich einem Team mit flexiblen Arbeitsplatz-Zonen angehöre, Ă€ndert sich ausser der Umgebung eigentlich nicht viel an der gewohnten Arbeitsplatzsituation. Meetings finden per Videokonferenz statt. Das ist an sich nichts grundlegend Neues und funktioniert soweit ganz gut.

Nach ungefĂ€hr 4 Stunden knurrt mein Magen und ich bereite mir mein Mittagessen zu. Bei schönem Wetter setze ich mich zum Essen auf meine Terrasse. Bei schlechtem Wetter, baue ich mein Homeoffice ab und rĂŒste die KĂŒchenbar zur Lunch-Tafel um.

Moment… könntest du nicht einfach Bildschirm und den ganzen BĂŒro-Kram zur Seite schieben? Der Tisch ist doch gross genug?!

Es sind psychologische GrĂŒnde, die mich zu diesem Mehraufwand bringen. Ich mag nicht vor dem PC essen. Ich bin tatsĂ€chlich zu vielen VerĂ€nderungen bereit, aber dazu nicht. 

Verstehe. Und nach dem Lunch baust du alles wieder um und arbeitest dort weiter, wo du vor der Mittagspause stehengeblieben bist?

Jein. Ich nutze die Mittagspause um gezielt relevante News abzurufen. Dazu nutze ich aktuell ein paar wenige, sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlte InformationskanĂ€le. Ich brauche Fakten. Das wirre Durcheinander und GebrĂŒll auf den sozialen Medien raubt mir unnötig viel Energie, die mir andernorts dann womöglich fehlt. Auch hier gilt fĂŒr mich: weniger ist mehr.
Anschliessend knöpfe ich mir das Treppenhaus vor (schmunzelt) oder mache ein paar DehnĂŒbungen auf der Yogamatte. Und dann, erst dann geht es zurĂŒck an die Arbeit.

(hustet kurz in die Armbeuge)

Zu einer gesunden WorkLife-Balance gehört auch der Feierabend. In der Regel irgendwann nach 18 Uhr fahre ich meinen Computer herunter und baue mein Homeoffice ab. Je nach Lust und Laune gibt es vor oder nach dem Abendessen ein kleines Workout. Danach ziehe ich mich mit einem Buch auf meine Couch zurĂŒck. Oder ich schreibe. Oder ich schaue eine Episode meiner aktuellen Netflix-Serie – auf spanisch. (klopft sich selbstbewusst auf die Schulter).

Ich habe den Eindruck, um dich bzw. um uns muss ich mir vorerst keine Sorgen machen. Stimmt diese Annahme?

So ist es. Keine Panik auf der Titanic!

Das beruhigt mich ausserordentlich! Magst du abschliessend noch etwas zur allgemeinen Lage loswerden?

Lasst uns, wie Robinson Crusoe, geduldig und hoffnungsvoll auf Freitag warten. Es werden bessere Zeiten folgen, davon bin ich ĂŒberzeugt.

Herzlichen Dank, liebste Doedel, fĂŒr dieses klĂ€rende Interview und weiterhin einen erholsamen Sonntag auf der Couch. 

Ich habe zu danken, mein lieber Schweinehund. Wir sollten uns öfter Zeit fĂŒr einander nehmen – hab dich lieb! (formt mit Daumen und Zeigefingern ein Herz in die Luft)

*Ich nenne meinen inneren Schweinehund liebevoll „GĂŒnnter“. Immer wenn er ins Spiel kommt, lautet die Gretchenfrage: GĂŒnnter (schweizerdeutsch fĂŒr „gewinnt er?“) oder „GĂŒnnter nöd?“ (gewinnt er nicht?)

Das exklusive Interview zum Jahreswechsel – von und mit Doedel

Zum neuen Jahr gibt es hier ein exklusives Interview mit Doedel. Durchs Interview fĂŒhrt niemand Geringeres als GĂŒnnter*, Doedels innerer Schweinehund. Viel Spass bei der LektĂŒre.

GĂŒnnter: Mir fĂ€llt auf, dass, seit wir am ersten Weihnachtstag von zu Hause losgezogen sind, ein  DauerlĂ€cheln auf deinen Lippen spielt. Wie kommt das?

Doedel: Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun. (lÀchelt)


Pah! Das sagst du ausgerechnet nachdem wir heute Morgen mal wieder wie von der Tarantel gestochen durch die halbe Stadt gehetzt sind, um einen Adapter fĂŒr den Laptop zu besorgen?!?!! Die Geschichte wiederholte sich. Du erinnerst dich? Damals, drĂŒben in Afrika?

Ich weiss worauf du anspielst und ich gebe zu, dass ich in dieser Sache nachlĂ€ssig war. Ich erinnere mich, wie ich damals auf dem unvergesslichen Roadtrip durch SĂŒdafrika jeweils einen regelrechten Stecker-Turm aus diversen Steckern basteln musste, um mal eben husch mein Notebook aufzutanken. Das war Improvisation vom Feinsten und ich hatte mir fest vorgenommen, mir sofort nach der RĂŒckkehr aus Afrika einen dreipoligen Adapter fĂŒr meinen Laptop zu besorgen und wie soll ich sagen, zurĂŒck in der Zivilisation ist das dann irgendwie untergegangen.
Aber hey! Heute ist ja alles gut ausgegangen. Wir haben den Adapter und der Laptop ist vollgetankt – sonst könnten wir jetzt ja hier nicht auf der Terrasse sitzen und diesen Beitrag tippsen (lacht).
Apropos SĂŒdafrika: wusstest du, dass sich Kapstadt und Buenos Aires auf gleicher Höhe befinden? Ich meine Breitengrad technisch? Schon eindrĂŒcklich. WĂ€hrend der afrikanische Kontinent bei Kapstadt quasi aufhört, gehts hier in SĂŒdamerika erst so richtig los – verrĂŒckt, findest du nicht?


Du weichst vom Thema ab. FĂŒr mich, deinem inneren Schweinehund, war die Adapter-Geschichte heute Morgen ein SpĂŒrchen zuviel Adrenalin auf nĂŒchternen Magen.

Das tut mir aufrichtig leid! Immerhin hatte der flotte Chico im ersten Laden direkt den goldenen Tipp fĂŒr uns bereit und schickte uns zur flotten Chica ums Eck, welche in Sekundenschnelle ein flottes Dreikönigs- Ă€h DreipolstĂŒck aus der Schublade zĂŒckte.
Da fĂ€llt mir ein: kommenden Montag feiern wir heilige drei Könige. Was meinst du, wollen wir uns da – zur Feier des Tages, quasi – ein spezielles Abenteuer gönnen? Ich meine: nur wir beide, du und ich? (klimpert mit der Wimper)


Ich erinnere dich daran, dass wir am Montag unseren patagonischen Studenten-Alltag starten werden und um 9 Uhr unseren Einstufungstest schreiben. Mein Bedarf an Abenteuer wird damit gedeckt sein. Aber danke, dass du fragst. Ich werde hier ja nicht immer nach meinem Grad an Abenteuerlust gefragt (rĂ€uspert)  was uns zum Thema zurĂŒckbringt. Ich verstehe immer noch nicht, warum wir all diese Strapazen auf uns genommen haben: den langen Flug, das stundenlange Anstehen an der Passkontrolle am Flughafen in Buenos Aires, das ganze Tohuwabohu, um hier an Geld und vernĂŒnftige Lebensmittel zu kommen, …
Zuhause hÀtten wir zwischen den Jahren bequem auf der Couch abhÀngen können.

Du vergisst, dass zu Hause gerade jemand anderes auf unserer Couch abhĂ€ngt. Da haben wir es hier in unserem kleinen, aber feinen Apartment doch wesentlich gemĂŒtlicher (zwinkert keck mit dem Auge, also mit dem linken, weil es mit dem rechten partout nicht gelingen will…).


Herrje, dieses Untervermiet-Projekt ist auch so ein durchgeknallter Furz jenseits der Komfortzone!

Dieser durchgeknallte Furz ermöglicht uns ein Leben in höchstmöglicher UnabhÀngigkeit. Es ist doch toll, dass wÀhrend wir hier die unendlich langen Tage des patagonischen Sommers geniessen, ein erheblicher Teil unserer Fixkosten Zuhause gedeckt wird.


Ich weiss nicht. Mich befremdet der Gedanke, dass eben wĂ€hrend wir hier die unendlich langen Tage des patagonischen Sommers „geniessen“, um es in deinen Worten auszudrĂŒcken, eine fremde Person in unserem Bett liegt und womöglich gerade Kaffee ĂŒber die schicke Couch schĂŒttet. 
Ich verstehe dein Hadern. Noch vor ein paar Jahren hÀtte ich mir das auch nicht vorstellen können.


Woher der Sinneswandel?
Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage, wie ich mein Leben generell und insbesondere die aktuellen wohl knackigsten Jahre leben möchte, auseinandergesetzt. Im Zentrum stand dabei die Frage, was mein ICH in 30 Jahren rĂŒckblickend meinem heutigen ICH raten wĂŒrde zu tun oder eben nicht zu tun.**


Das klingt selbst fĂŒr innere Schweinehunde wie mich interessant. ErzĂ€hle mehr darĂŒber. 
Bist du sicher, dass du das hören möchtest?


Ja, scheiss los… schiess… ich meinte schiess los!
Na gut. Aber jammere nachher nicht, ich hÀtte dich nicht gewarnt! (grinst)
Pass auf. Es startete mit meinem kompletten Neuanfang vor inzwischen acht Jahren. Es fĂŒhlte sich an, als ob einer aus Versehen statt der Pause-Taste den Reset-Knopf meines Lebens erwischt hatte und jedenfalls schlief ich damals monatelang auf einer Luftmatratze und redete mir die Yogamatte bequem und kuschelig wie eine Couch. Es war die Zeit, in der mir klar wurde, dass weniger mehr sein kann. Seither ĂŒberlege ich mir sehr behutsam, was mich glĂŒcklich macht. Es ist eine kurze Liste. Ich fĂŒhre einen minimalistischen Lebensstil.


Das erklĂ€rt noch nicht, weshalb wir unsere tolle Wohnung nun schon zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren wildfremden Menschen ĂŒberlassen.

Im Verlaufe des Prozesses zur KlĂ€rung der Sinn-Frage wurde immer deutlicher, dass ich ein ausgeprĂ€gtes Autonomie-BedĂŒrfnis habe. Ich denke, ein beachtlicher Teil davon ist angeboren, der andere Teil ist im Verlaufe der Zeit klammheimlich in mir herangereift. Der SchlĂŒssel zu einem möglichst hohen Grad an UnabhĂ€ngigkeit liegt im Loslassen. Mir ist bewusst geworden, dass ich mir mit Gedanken an Kaffeeflecken auf meiner Couch nur selbst im Weg stand. Inzwischen habe ich meinen Haushalt auf ein modulares Kistenmodell umgestellt, um meine persönlichen Habseligkeiten mit wenig Aufwand sicher wegschliessen zu können. FĂŒr Bett und Couch habe ich mir spezielle SchutzbezĂŒge, sogenannte Hussen, besorgt.
Was man bei der ganzen Geschichte nicht vergessen darf ist, dass wir bei unserer RĂŒckkehr ja selbst wochenlang in fremden Sachen gehaust und dabei eine gewisse Resistenz gegenĂŒber Spuren und GerĂŒchen fremder Menschen entwickelt haben werden. (zwinkert)


Verstehe. Themawechsel. Du hast mir heute Morgen beim ZĂ€hneputzen zugemurmelt, dass wir ab nĂ€chster Woche Teilzeit arbeiten werden? Du meintest damit eigentlich die Schulbank drĂŒcken, korrekt? 

Nein, d.h. naja… genaugenommen heisst es beides.


Stopp! Ich weiss tatsĂ€chlich nicht, wieviel genauer ich das wissen möchte…

Ach komm schon, sei kein Frosch. Hihi… innerer Schweinefrosch… hihihihi… (klopft sich mit der rechten Hand mehrmals auf den rechten Schenkel)


Mir ist nicht nach Scherzen zumute!

ÂĄDisculpa! Ich meine: Ă€xgĂŒsi… wie war nochmals die Frage? Achso, ja… bezĂŒglich der Arbeit (verkneift sich sichtlich ein erneutes Kichern). Also die Sache ist die, dass ich eines meiner aktuellen Projekte von hier aus weiter betreuen werde. BĂ€mm! Na, was sagst du dazu?


Ich dreh‘ gleich durch, ey! HĂ€tte da nicht jemand anderes einspringen können, sodass mir wenigstens das erspart geblieben wĂ€re?

Eben nicht! Die Idee nach dieser Auszeit hier in Patagonien entstand im Juni vergangenen Jahres. Ich hatte mich spontan auf ein dreimonatiges Praktikum in einer kleinen Pension drĂŒben im chilenischen Seengebiet beworben und prompt eine  Zusage erhalten. Einige Wochen spĂ€ter scheiterte das Projekt dann aber leider. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich mich schon voll auf ein sĂŒdamerikanisches Abenteuer eingestellt und meine EnttĂ€uschung liess sich nicht abstreiten. Ich ĂŒberlegte mir also, ob ich mich gegebenenfalls neu arrangieren konnte und da rĂŒckte bald die Idee eines Sprachaufenthalts in Kombination mit einer gesunden Portion Bewegung an der frischen Luft im Outdoor-Mekka rund um Bariloche/Patagonien in den Vordergrund. Ich sicherte mich kurz ab, was wohl mein ICH in 30 Jahren zu der Idee meines heutigen ICHs sagen wĂŒrde und zack, war die Sache fĂŒr mich klar wie der Himmel hier ĂŒber Patagonien in diesen wundervollen Sommertagen. Allerdings hatte ich im Job inzwischen zu einem grösseren Projekt zugesagt. Also suchte ich das GesprĂ€ch mit meinem Chef. Scheu wie ein Reh erzĂ€hlte ich ihm von meiner Idee, im patagonischen Sommer zu ĂŒberwintern. Er meinte nur:“Was soll ich mit einer Idee? Komm wieder, wenn du einen konkreten Plan hast und dann schauen wir, was sich da machen lĂ€sst.“ Das liess ich mir nicht zweimal sagen und unterbreitete ihm einige Tage spĂ€ter meinen konkreten Überwinterungsplan – einer kunterbunten Mischung aus Sprachaufenthalt, viel Bewegung an der frischen Luft und spannenster Projektarbeit. Et voilĂ .


Da hast du GlĂŒck mit deinem Arbeitgeber. Das könnte sich natĂŒrlich nicht jeder erlauben.

Ersteres streite ich nicht ab: das ist Tatsache und mein Chef ist ein wahrer „Enabler“ und  ein Goldschatz noch dazu! Zweiteres kommt mir regelmĂ€ssig zu Ohren. „Was, du haust schon wieder ab? Das wĂŒrde ich auch gerne machen, aber das kann ich mir in meiner Position, bei meinem Chef, bei der aktuellen Wirtschaftslage, blablabla nicht erlauben. Die AufzĂ€hlung kann mit beliebigen Schiess-mich-tot-Ausreden erweitert werden.“ Auf meine Frage ob das Thema denn schon mal konkret diskutiert wurde, folgt dann höchstens noch ein „naja
 ich weiss halt, dass ich damit nicht durchkommen wĂŒrde. Niemals!“
Ich frage mich dann jeweils, ob die sich eigentlich schon mal mit ihrem ICH von in 30 Jahren auseinandergesetzt haben
 (blickt nachdenklich vor sich hin) Ich meine, es ist mir schon klar, dass nicht alle mit den idealen Rahmenbedingungen fĂŒr solche Luxus-Projekte gesegnet sind. Aber bei der „Was-ist-in-30 Jahren“-Perspektive geht es ja darum, das Optimum aus den aktuellen UmstĂ€nden herauszuholen – also ein erfĂŒllendes Leben zu leben, wie es einem in der persönlichen Situation eben möglich ist.


Irgendwann werde ich vielleicht auch Gefallen an diesem Affentheater finden können – man soll schliesslich niemals nie sagen. FĂŒr heute weiss ich genug. Und was morgen auf uns zukommt, wirst du mir bestimmt noch zum passenden Zeitpunkt mitteilen, KORREKT?!

Na klar. Ehrensache! (kichert heimlich ins FĂ€ustchen)


Herzlichen Dank fĂŒr dieses Interview und alles Gute fĂŒrs neue Jahr!

¥Feliz año! Frohes neues Jahr, mein lieber Schweinehund.
Schön, dass es dich gibt! (formt mit Daumen und Zeigefingern ein Herz in die Luft)


Das Interview fĂŒhrte: GĂŒnnter*, mein innerer Schweinehund

*Ich nenne meinen inneren Schweinehund liebevoll „GĂŒnnter“. Immer wenn er ins Spiel kommt, lautet die Gretchenfrage: GĂŒnnter (schweizerdeutsch fĂŒr „gewinnt er?“) oder „GĂŒnnter nöd?“ (gewinnt er nicht?)

** Die „Was-ist-in-30Jahren“-Perspektive nach John Strelecky. Mehr dazu gibts im Artikel Safari zu den «BIG FIVE FOR LIFE»