Endlich 20! Das exklusive Interview zum Jahreswechsel

Zum neuen Jahr gibt es hier ein exklusives Interview mit Doedel. Durchs Interview fĂŒhrt niemand Geringeres als GĂŒnnter*, Doedels innerer Schweinehund. Viel Spass bei der LektĂŒre.

GĂŒnnter: Mir fĂ€llt auf, dass, seit wir am ersten Weihnachtstag von zu Hause losgezogen sind, ein  DauerlĂ€cheln auf deinen Lippen spielt. Wie kommt das?

Doedel: Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun. (lÀchelt)


Pah! Das sagst du ausgerechnet nachdem wir heute Morgen mal wieder wie von der Tarantel gestochen durch die halbe Stadt gehetzt sind, um einen Adapter fĂŒr den Laptop zu besorgen?!?!! Die Geschichte wiederholte sich. Du erinnerst dich? Damals, drĂŒben in Afrika?

Ich weiss worauf du anspielst und ich gebe zu, dass ich in dieser Sache nachlĂ€ssig war. Ich erinnere mich, wie ich damals auf dem unvergesslichen Roadtrip durch SĂŒdafrika jeweils einen regelrechten Stecker-Turm aus diversen Steckern basteln musste, um mal eben husch mein Notebook aufzutanken. Das war Improvisation vom Feinsten und ich hatte mir fest vorgenommen, mir sofort nach der RĂŒckkehr aus Afrika einen dreipoligen Adapter fĂŒr meinen Laptop zu besorgen und wie soll ich sagen, zurĂŒck in der Zivilisation ist das dann irgendwie untergegangen.
Aber hey! Heute ist ja alles gut ausgegangen. Wir haben den Adapter und der Laptop ist vollgetankt – sonst könnten wir jetzt ja hier nicht auf der Terrasse sitzen und diesen Beitrag tippsen (lacht).
Apropos: wusstest du, dass sich Kapstadt und Buenos Aires auf gleicher Höhe befinden? Ich meine Breitengrad technisch? Schon eindrĂŒcklich. WĂ€hrend der afrikanische Kontinent bei Kapstadt quasi aufhört, gehts hier in SĂŒdamerika erst so richtig los – verrĂŒckt, findest du nicht?


Du weichst vom Thema ab. FĂŒr mich, deinem inneren Schweinehund, war die Adapter-Geschichte heute Morgen ein SpĂŒrchen zuviel Adrenalin auf nĂŒchternen Magen.

Das tut mir aufrichtig leid! Immerhin hatte der flotte Chico im ersten Laden direkt den goldenen Tipp fĂŒr uns bereit und schickte uns zur flotten Chica ums Eck, welche in Sekundenschnelle ein flottes Dreikönigs- Ă€h DreipolstĂŒck aus der Schublade zĂŒckte.
Da fĂ€llt mir ein: kommenden Montag feiern wir heilige drei Könige. Was meinst du, wollen wir uns da – zur Feier des Tages, quasi – ein spezielles Abenteuer gönnen? Ich meine: nur wir beide, du und ich? (klimpert mit der Wimper)


Ich erinnere dich daran, dass wir am Montag unseren patagonischen Studenten-Alltag starten werden und um 9 Uhr unseren Einstufungstest schreiben. Mein Bedarf an Abenteuer wird damit gedeckt sein. Aber danke, dass du fragst. Ich werde hier ja nicht immer nach meinem Grad an Abenteuerlust gefragt (rĂ€uspert)  was uns zum Thema zurĂŒckbringt. Ich verstehe immer noch nicht, warum wir all diese Strapazen auf uns genommen haben: den langen Flug, das stundenlange Anstehen an der Passkontrolle am Flughafen in Buenos Aires, das ganze Tohuwabohu, um hier an Geld und vernĂŒnftige Lebensmittel zu kommen, …
Zuhause hÀtten wir zwischen den Jahren bequem auf der Couch abhÀngen können.

Du vergisst, dass zu Hause gerade jemand anderes auf unserer Couch abhĂ€ngt. Da haben wir es hier in unserem kleinen, aber feinen Apartment doch wesentlich gemĂŒtlicher (zwinkert keck mit dem Auge, also mit dem linken, weil es mit dem rechten partout nicht gelingen will…).


Herrje, dieses Untervermiet-Projekt ist auch so ein durchgeknallter Furz jenseits der Komfortzone!

Dieser durchgeknallte Furz ermöglicht uns ein Leben in höchstmöglicher UnabhÀngigkeit. Es ist doch toll, dass wÀhrend wir hier die unendlich langen Tage des patagonischen Sommers geniessen, ein erheblicher Teil unserer Fixkosten Zuhause gedeckt wird.


Ich weiss nicht. Mich befremdet der Gedanke, dass eben wĂ€hrend wir hier die unendlich langen Tage des patagonischen Sommers „geniessen“, um es in deinen Worten auszudrĂŒcken, eine fremde Person in unserem Bett liegt und womöglich gerade Kaffee ĂŒber die schicke Couch schĂŒttet. 
Ich verstehe dein Hadern. Noch vor ein paar Jahren hÀtte ich mir das auch nicht vorstellen können.


Woher der Sinneswandel?
Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage, wie ich mein Leben generell und insbesondere die aktuellen wohl knackigsten Jahre leben möchte, auseinandergesetzt. Im Zentrum stand dabei die Frage, was mein ICH in 30 Jahren rĂŒckblickend meinem heutigen ICH raten wĂŒrde zu tun oder eben nicht zu tun.**


Das klingt selbst fĂŒr innere Schweinehunde wie mich interessant. ErzĂ€hle mehr darĂŒber. 
Bist du sicher, dass du das hören möchtest?


Ja, scheiss los… schiess… ich meinte schiess los!
Na gut. Aber jammere nachher nicht, ich hÀtte dich nicht gewarnt! (grinst)
Pass auf. Es startete mit meinem kompletten Neuanfang vor inzwischen acht Jahren. Es fĂŒhlte sich an, als ob einer aus Versehen statt der Pause-Taste den Reset-Knopf meines Lebens erwischt hatte und jedenfalls schlief ich damals monatelang auf einer Luftmatratze und redete mir die Yogamatte bequem und kuschelig wie eine Couch. Es war die Zeit, in der mir klar wurde, dass weniger mehr sein kann. Seither ĂŒberlege ich mir sehr behutsam, was mich glĂŒcklich macht. Es ist eine kurze Liste. Ich fĂŒhre einen minimalistischen Lebensstil.


Das erklĂ€rt noch nicht, weshalb wir unsere tolle Wohnung nun schon zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren wildfremden Menschen ĂŒberlassen.

Im Verlaufe des Prozesses zur KlĂ€rung der Sinn-Frage wurde immer deutlicher, dass ich ein ausgeprĂ€gtes Autonomie-BedĂŒrfnis habe. Ich denke, ein beachtlicher Teil davon ist angeboren, der andere Teil ist im Verlaufe der Zeit klammheimlich in mir herangereift. Der SchlĂŒssel zu einem möglichst hohen Grad an UnabhĂ€ngigkeit liegt im Loslassen. Mir ist bewusst geworden, dass ich mir mit Gedanken an Kaffeeflecken auf meiner Couch nur selbst im Weg stand. Inzwischen habe ich meinen Haushalt auf ein modulares Kistenmodell umgestellt, um meine persönlichen Habseligkeiten mit wenig Aufwand sicher wegschliessen zu können. FĂŒr Bett und Couch habe ich mir spezielle SchutzbezĂŒge, sogenannte Hussen, besorgt.
Was man bei der ganzen Geschichte nicht vergessen darf ist, dass wir bei unserer RĂŒckkehr ja selbst wochenlang in fremden Sachen gehaust und dabei eine gewisse Resistenz gegenĂŒber Spuren und GerĂŒchen fremder Menschen entwickelt haben werden. (zwinkert)


Verstehe. Themawechsel. Du hast mir heute Morgen beim ZĂ€hneputzen zugemurmelt, dass wir ab nĂ€chster Woche Teilzeit arbeiten werden? Du meintest damit eigentlich die Schulbank drĂŒcken, korrekt? 

Nein, d.h. naja… genaugenommen heisst es beides.


Stopp! Ich weiss tatsĂ€chlich nicht, wieviel genauer ich das wissen möchte…

Ach komm schon, sei kein Frosch. Hihi… innerer Schweinefrosch… hihihihi… (klopft sich mit der rechten Hand mehrmals auf den rechten Schenkel)


Mir ist nicht nach Scherzen zumute!

ÂĄDisculpa! Ich meine: Ă€xgĂŒsi… wie war nochmals die Frage? Achso, ja… bezĂŒglich der Arbeit (verkneift sich sichtlich ein erneutes Kichern). Also die Sache ist die, dass ich eines meiner aktuellen Projekte von hier aus weiter betreuen werde. BĂ€mm! Na, was sagst du dazu?


Ich dreh‘ gleich durch, ey! HĂ€tte da nicht jemand anderes einspringen können, sodass mir wenigstens das erspart geblieben wĂ€re?

Eben nicht! Die Idee nach dieser Auszeit hier in Patagonien entstand im Juni vergangenen Jahres. Ich hatte mich spontan auf ein dreimonatiges Praktikum in einer kleinen Pension drĂŒben im chilenischen Seengebiet beworben und prompt eine  Zusage erhalten. Einige Wochen spĂ€ter scheiterte das Projekt dann aber leider. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich mich schon voll auf ein sĂŒdamerikanisches Abenteuer eingestellt und meine EnttĂ€uschung liess sich nicht abstreiten. Ich ĂŒberlegte mir also, ob ich mich gegebenenfalls neu arrangieren konnte und da rĂŒckte bald die Idee eines Sprachaufenthalts in Kombination mit einer gesunden Portion Bewegung an der frischen Luft im Outdoor-Mekka rund um Bariloche/Patagonien in den Vordergrund. Ich sicherte mich kurz ab, was wohl mein ICH in 30 Jahren zu der Idee meines heutigen ICHs sagen wĂŒrde und zack, war die Sache fĂŒr mich klar wie der Himmel hier ĂŒber Patagonien in diesen wundervollen Sommertagen. Allerdings hatte ich im Job inzwischen zu einem grösseren Projekt zugesagt. Also suchte ich das GesprĂ€ch mit meinem Chef. Scheu wie ein Reh erzĂ€hlte ich ihm von meiner Idee, im patagonischen Sommer zu ĂŒberwintern. Er meinte nur:“Was soll ich mit einer Idee? Komm wieder, wenn du einen konkreten Plan hast und dann schauen wir, was sich da machen lĂ€sst.“ Das liess ich mir nicht zweimal sagen und unterbreitete ihm einige Tage spĂ€ter meinen konkreten Überwinterungsplan – einer kunterbunten Mischung aus Sprachaufenthalt, viel Bewegung an der frischen Luft und spannenster Projektarbeit. Et voilĂ .


Da hast du GlĂŒck mit deinem Arbeitgeber. Das könnte sich natĂŒrlich nicht jeder erlauben.

Ersteres streite ich nicht ab: das ist Tatsache und mein Chef ist ein wahrer „Enabler“ und  ein Goldschatz noch dazu! Zweiteres kommt mir regelmĂ€ssig zu Ohren. „Was, du haust schon wieder ab? Das wĂŒrde ich auch gerne machen, aber das kann ich mir in meiner Position, bei meinem Chef, bei der aktuellen Wirtschaftslage, blablabla nicht erlauben. Die AufzĂ€hlung kann mit beliebigen Schiess-mich-tot-Ausreden erweitert werden.“ Auf meine Frage ob das Thema denn schon mal konkret diskutiert wurde, folgt dann höchstens noch ein „naja
 ich weiss halt, dass ich damit nicht durchkommen wĂŒrde. Niemals!“
Ich frage mich dann jeweils, ob die sich eigentlich schon mal mit ihrem ICH von in 30 Jahren auseinandergesetzt haben
 (blickt nachdenklich vor sich hin) Ich meine, es ist mir schon klar, dass nicht alle mit den idealen Rahmenbedingungen fĂŒr solche Luxus-Projekte gesegnet sind. Aber bei der „Was-ist-in-30 Jahren“-Perspektive geht es ja darum, das Optimum aus den aktuellen UmstĂ€nden herauszuholen – also ein erfĂŒllendes Leben zu leben, wie es einem in der persönlichen Situation eben möglich ist.


Irgendwann werde ich vielleicht auch Gefallen an diesem Affentheater finden können – man soll schliesslich niemals nie sagen. FĂŒr heute weiss ich genug. Und was morgen auf uns zukommt, wirst du mir bestimmt noch zum passenden Zeitpunkt mitteilen, KORREKT?!

Na klar. Ehrensache! (kichert heimlich ins FĂ€ustchen)


Herzlichen Dank fĂŒr dieses Interview und alles Gute fĂŒrs neue Jahr!

¥Feliz año! Frohes neues Jahr, mein lieber Schweinehund.
Schön, dass es dich gibt! (formt mit Daumen und Zeigefingern ein Herz in die Luft)


Das Interview fĂŒhrte: GĂŒnnter*, mein innerer Schweinehund

 

*Ich nenne meinen inneren Schweinehund liebevoll „GĂŒnnter“. Immer wenn er ins Spiel kommt, lautet die Gretchenfrage: GĂŒnnter (schweizerdeutsch fĂŒr „gewinnt er?“) oder „GĂŒnnter nöd?“ (gewinnt er nicht?)

** Die „Was-ist-in-30Jahren“-Perspektive nach John Strelecky. Mehr dazu gibts im Artikel Safari zu den «BIG FIVE FOR LIFE»

Unter dem Strich kam mir dieses Valencia alles andere als spanisch vor.

Seit ich denken kann liebe ich die spanische Sprache und dieser Zustand hat sich mit meiner ganz persönlichen Liaison zu Barcelona in den letzten paar Jahren noch zusĂ€tzlich verstĂ€rkt. Doch meine Begeisterung, hier in der Schweiz einmal pro Woche fĂŒr zwei Lektionen die Schulbank zu drĂŒcken, hielt sich stets in Grenzen und so schob ich das Projekt „aprender español“ (spanisch lernen) immer wieder vor mich hin (mañana, mañana…). Ich vertraute stets darauf, dass der richtige Moment irgendwann schon noch kommen wĂŒrde, in dem ich mich dazu aufraffen könnte, einen Sprachkurs zu belegen. Trotzdem notierte ich den Vorsatz sicherheitshalber sorgfĂ€ltig auf meiner Bucketlist.

Der richtige Zeitpunkt kam schliesslich im vergangenen August… weiter gehts in meinem Gastbeitrag im Boa Lingua-Blog 😉

Best of Valencia Tweets

NatĂŒrlich habe ich wĂ€hrend meinem Aufenthalt in Valencia ab und zu getwittert. Hier ein paar Kostproben 😉

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Impressionen von Valencia